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Die Städte unterscheiden sich also vom platten Lande durch den Markt. Es kommt aber noch etwas hinzu: Die Städte sind im Gegensatz zu den Dörfern befestigt, sie haben eine Stadtmauer, die von einem Stadtgraben umgeben ist, und Stadttore. Reste einer solchen Stadtbefestigung haben wir ja hier in reichem Masse, die Stadtmauer und die Tore in Wimpfen im Tal und die Stadtmauer, die Wimpfen am Berg umzog mit ihren schönen Warttürmen, von denen noch der Turm erhalten ist, der jetzt von den Gebäulich- keiten des Mathildenbades umschlossen wird.
Allgemein bekannt ist die schmerzliche Tatsache, daß außer unserem jetzigen Stadttor bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts an der Rappenauer Straße das Speirer und an der Biberacherstraße, nicht weit von der jetzigen Post, das Heilbronner Tor standen, die leider einer falsch verstandenen Sucht, modern zu sein, zum Opfer gefallen sind.
Innerhalb der Stadtmauern nun bildet sich gerade in der von uns zu betrachtenden Hohenstaufenzeit ein vielgestaltiges stätisches Leben aus. Die Kreuzzüge, deren nicht erreichter Zweck es war, das heilige Grab und die heiligen Stätten in Palästina den Mohammedanern zu entreissen, brachten die Europäer mit der hochentwickelten Kultur der Araber in Berührung, Eine ganze Anzahl von neuen Nahrungs- und Genußmitteln, vor allem auch alle unsere Gewürze, lernten die Kreuzfahrer im phantasiereichen Orient mit der Pracht seiner farbigen Gewänder und dem Zauber seiner Märchenpoesie kennen.
Alles das, was die vielen Hunderttausende von Europäern, welche fromme Begeisterung und ungebändigte Abenteuerlust nach dem märchenreichen Osten führte, dort an neuen Nahrungs- und Genußmitteln kennen lernten, brachten sie mit in ihre Heimat und wollten es auch dort nicht entbehren. Findig, wie die Kaufleute sind, nützten die großen italie- nischen Handelshäuser zu Venedig, Genua und Pisa diese Konjunktur aus, und es setzt nunmehr ein schwunghafter Warenaustausch zwischen Orient und Occident ein. Die italienischen Seestädte Venedig, Genua, Pisa und die oberdeutschen Städte Augsburg, Nürnberg, Ulm vermitteln diesen Warenverkehr im großen und gelangen dadurch zu un- geahntem Wohlstand. Zu Nürnbergs Reichtum wurde damals der Grund gelegt.
Dieser so nach Deutschland auf den Markt gebrachten Waren bemächtigt sich dann der Kleinhandel und setzt die Gewürze oder die farbigen Stoffe des Ostens gewinnbringend an die Käufer ab.
Mit ungeahnter Schnelligkeit breitet sich der Handel aus, und das bis dahin rein agrarische Deutschland wird in seinen südlichen Teilen ein Land des Handels und des Handwerks. Das Emporkommen und das allmähliche Wachstum von Handel und Gewerbe in Deutschland und damit die Entstehung eines kraftvollen und einflussreichen Bürgertums fällt in die Zeit der Hohenstaufen, der Höhepunkt aber im Leben der deutschen Städte wird erst in der folgenden Periode, im 14., 15. und 16. Jahrhundert erreicht. Auch Wimpfens wirtschaftliche Blüte liegt erst später. Dies geht auch schon daraus hervor, daß Wimpfen viel später als viele andere Städte freie Reichsstadt wurde, nämlich erst im 14. Jahrhundert.
Die Städte, die im Zeitalter der Kreuzzüge zu Wohlstand gelangten, gingen nun aber glücklicherweise im Gelderwerb nicht auf, sondern förderten und pflegten auch die geistigen Interessen. In den Städten entstehen die romanischen und gotischen himmelanstrebenden Dome und die geräumigen Rathäuser mit ihren Sitzungssälen für den Rat, mit der Geschlechterstube für die alteingesessenen reichen Patrizierfamilien und mit dem Ratskeller, wo man einen Guten schenkt und beim Becher kannegiessert.
Gerade in die Regierungszeit der hohenstaufischen Dynastie fällt auch wie auf so vielen anderen Gebieten eine Wandlung im künstlerischen Leben. Allemal, wenn in einer Zeit ganz neue Dinge in die Erscheinung treten, wenn von aussen mächtige Einflüsse auf sie einströmen, wenn der Zeit zum Bewusstsein kommt, dass sie zu den wertvollen Errungenschaften, die sie von der Vergangenheit ererbt hat, auch von ihrem eigenen Geist etwas hinzuzufügen und den nachkommenden Geschlechtern zu überliefern hat, allemal dann entsteht in der Kunst das, was wir einen neuen Stil nennen.


