Aufsatz 
Die Konzentrationsidee und ihre Bedeutung für die Ober-Tertia des Gymnasiums / von Georg Ihm
Entstehung
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Innerhalb der Caesarlektüre kommt es darauf an, das Bewußtsein für den Zusammenhang der Ereignisse immer wach zu halten und zu verhindern, daß sich zwischen die Kapitel und Bücher Wände einschieben, die den Blick des Schülers einengen. Denn gar leicht vergißt man bei einem Schriftsteller, dessen Lektüre so stetig fortschreitet, an den geeigneten Punkten Halt zu machen, um einen Blick auf die schon zurückgelegte Strecke zu werfen und die verschiedenen Eindrücke, die man auf dem Weg empfangen hat, mit einander zu vergleichen.¹)

Die Ovidlektüre erhält durch die erzählenden Gedichte, welche im deutschen Unterricht behandelt werden, Beziehungen zu diesem Unterrichtsgegenstande. Diese Beziehungen sind sorg- fältig zu benutzen. Besonders hat die Behandlung des Inhaltes der einzelnen Metamorphosen in der gleichen Weise zu erfolgen, wie die der deutschen Gedichte und zur Pflege der verschiedenen Interessen gleichmäßig beizutragen. Auch kann man bei beiden durch Herstellung einer schlichten prosaischen Inhaltsangabe und die Vergleichung derselben mit dem Gedicht den Schüler auf die Punkte aufmerksam machen, an denen die frei ausmalende Phantasie des Dichters mit besonderer Vorliebe angesetzt hat.²) Auf diese Weise bekommen die Schüler einen Einblick in die Thätigkeit des Dichters und in gewissen Grenzen auch in seine Liebhabereien. Daneben veranlaßt die Ovidlektüre zugleich eine Wiederholung und Vertiefung der in VI. erlernten Sagengeschichte und versieht den Schüler spielend mit dem für das Verständnis der übrigen antiken Dichter erforder- lichen mythologischen Apparat.

Auch bietet Ovids Vorliebe, mit geographischem Wissen zu glänzen*), die er übrigens mit seinen Landsleuten gemein hat, reichliche Gelegenheit, auch dieses Gebiet zu berühren.

Was die Auswahl*) der Stücke anlangt, so würde sich Atlas und Perseus mit dem geo- graphischen Pensum der Klasse in Verbindung bringen lassen. Orpheus und Eurydice gehört in die Reihe der Gedichte, welche die Macht des Gesanges veranschaulichen.*) Midas berührt sich

¹) Hierfür ist erforderlich, daß ähnliche Unternehmungen immer mit einander in Verbindung gebracht werden, z. B. gegen die Moriner und Menapier am Ende von Buch III. IV. und VI. 5, 6., die beiden Rheinübergänge (cf. Xen. I. 4, 17. 5, 10.), die Expeditionen nach Britannien. Dabei muß immer hervorgehoben werden, wie ein Ereignis mit dem eines vorhergehenden Buches in Beziehung steht. Ferner ist die Rolle, welche einzelne Stämme, z. B. die Aduer, Remer, Treverer spielen, bei gegebener Gelegenheit nach den zuvor gelesenen Büchern zusammenfassend zu behandeln. Auch für das häufige Vorkommen einer römischen und antirömischen Partei in den einzelnen Staaten gilt der gleiche Gesichtspunkt. Mit einander zu vergleichen sind die Städte hinsicht- lich ihrer Lage. Auch die Eigenart einzelner Bücher muß dem Schüler zum Bewußtsein kommen. So ist III. reich an Kriegsschauplätzen. Da die Vorgänge bei den Venetern, Venellern und Aquitaniern gleichzeitig spielen, treten die Legaten in größerer Selbständigkeit hervor(ähnlich wie im V. B.). Buch IV. ist ebenfalls reich an Kriegsschauplätzen, die dazu noch weiter auseinander liegen. Aber diese Unternehmungen hängen nicht so unter einander zusammen wie die, welche den Kern von B. III. bilden. Da sie nach einander spielen, bleiben die Legaten im Hintergrund. Am spannendsten wird die Darstellung im V. Buch bei der Erzählung der Vorgänge im Lager des Sabinus und Cotta und der kritischen Lage des Cicero. Im VII. Buch erreicht die Lebendigkeit der Darstellung ihren Höhepunkt. Sturm, Belagerung und die Lage der Bevölkerung, in deren Gebiet der Krieg tobt, sind nicht skizzenhaft geschildert, sondern anschaulich und vielseitig. Auch in stilistischer Hin- sicht hat dieses Buch eine eigenartige Physiognomie, vgl. meinen Aufsatz Berliner Philol. Wochenschrift 1886. Nr. 33 und unabhängig davon: Fröhlich, Stilistisches und Realistisches zu Bellum Gallicum. Zürich 1887 pg. 28.

¹) z. B. die Folgen der großen Flut in B. I., der Feuersbrunst in B. II., die Spezialisierung bei den von Midas angestellten Versuchen B. XI. 106 120 u. a. m. Aus deutschen Gedichten gehört z. B. die Beschreibung des Meeresgrundes im Taucher hierher.

³) Besonders im Phaöthon.

) Vergl. Rost Z. f. Gw. 1884. 1 ff., Frick ebend. pag. 257 ff., Magnus Jahresber. d. philol. Vereins XII. 216 ff. und meine Aufsätze Gymnasium 1885. Nr. 10 u. 24.

) Der Sänger v. Goethe, des Sängers Fluch v. Uhland, Bertran de Born von Uhland, Arion v. Schlegel, der Graf v. Habsburg von Schiller; vergl. dazu Horand in der Paldamus V. Nr. 92 nach Vilmar gegebenen In- haltsangabe der Gudrun. Apollo als Sünger Ov. Met. XI. 165 170.

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