Aufsatz 
Ueber das Verhältnis des modernen Turnens zur hellenischen Gymnastik / von Adolf Hüffell
Entstehung
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tiefer anatomiſcher Kenntniſſe, noch der männlichen Modelle, noch weiter Kunſtreiſen zu ſeiner Ausbildung bedurfte. So ſehr wurden alle dieſe in neuerer Zeit nöthigen Hilfs⸗ mittel durch die lebenden Bilder in den Gymnaſien erſetzt. Daß dann wiederum der An blick der plaſtiſchen Meiſterwerke, die ſich faſt überall den Blicken darboten, von bedeut⸗ ſamem Einfluß auf die Schönheit und edle Haltung der Nation ſein muſte, verſteht ſich von ſelbſt und man hatte gewiß nicht bloß religiöſes Bedürfnis im Auge, wenn man in der klaſſiſchen Periode die herrlichen Statuen des Apollon d0½₰ ατοο, des Hermes A1⁴εντνο und des Herkules zur gewöhnlichen Gruppe in den Gymnaſien machte.

Wenn es ſchon bei Cicero nat. deor. I. 28, 79 heißt:wie wenig ſchöne junge Leute findet man jetzt. Während meines Aufenthaltes zu Athen zeichnete ſich kaum Einer aus, ſo wird dadurch das oben Geſagte nicht aufgehoben, ſondern nur der Beweis geliefert, wie verderblich der Verluſt ſittlicher Weihe und politiſcher Selbſtändigkeit immer geweſen iſt, und die auffallende Abnahme der griechiſchen Bevölkerung ſeit der Erhebung der macedoni ſchen Macht, ſo daß ſchon zu Anguſt's Zeit ganze Strecken des Landes wüſte lagen,*) zeigt gleichfalls, was einem Volke bevorſteht, welches ſeine höchſten Güter nicht bewahren kann.

Es iſt natürlich, daß ein ähnliches Wechſelverhältnis zwiſchen Kunſt und Gymnaſtik nicht wieder vorkommen kann. Klima und andere Begriffe von Schicklichkeit werden immer ihr Recht geltend machen. Schon dem Römer galt die Nacktheit bei gymnaſtiſchen Ueb⸗ ungen als flagiti principium.

Aber wir müßen uns nicht bloß auf den Standpunkt der Griechen ſtellen, um den engen Zuſammenhang der Gymnaſtik mit Religion und Kunſt zu verſtehen, auch die Be⸗ ziehung, in welcher dieſelbe zum Staate ſtand, iſt zum Theil ächt helleniſcher Art. Denn die Paläſtra und das Gymnaſium ſollten nicht bloß geſunde, zu allem Guten brauchbare und kriegstüchtige Männer heranbilden, ſie ſollte noch einer anderen wichtigen Anforderung des Gemeinweſens genügen, nemlich für die öffentlichen Feſtzüge, Spiele und Chöre ſchöne, harmoniſch durchgebildete Jugendgeſtalten erziehen, und wenn es nach Platons aus⸗ drücklicher Bemerkung im Staatsintereſſe lag, nur ſtattliche Feſtgeſandtſchaften zu den ge⸗ meinſamen Stammes⸗ und Nationalfeſten zu ſenden, ſo muſte der Staat um ſo eifriger auf die Heranbildung einer edlen, würdevollen Haltung ſeiner Bürger ſehen, als es dem Sinne der Griechen nicht entſprach, durch äußeren Schimmer glänzen und imponieren zu wollen. Eine helleniſche Auffaſſung war es auch, wenn die Geſetzgeber**) erwarteten, daß der in der Paläſtra gepflegte Wetteifer auch ſpäter bei der Verwaltung des Staates hervortreten und daß die Freundſchaftsbündniſſe, die der nahe Verkehr auf den Ring plätzen förderte, auch zur Opferbereitſchaft für das Gemeinweſen anſpornen würde.

*) Hermann, griech. privat. Alterth. S. 2. **) Lucian de gymn. 15.