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Nicht minder förderlich für die Volksthümlichkeit der helleniſchen Gymnaſtik war die innige Beziehung derſelben zu der bildenden Kunſt.
Nie hätten die Griechen jene unübertroffene Meiſterſchaft in der Darſtellung menſchlicher Schönheit erlangt, wenn nicht die eigenthümliche Entwickelung der Gymnaſtik die Vorbe⸗ dingungen bereitet hätte, unter denen der plaſtiſche Künſtler allein zum Ideale gelangen konnte. Zwar lag Verherrlichung der ſinnlichen Formen in der anthropomorphiſchen Richtung der griechiſchen Religion; aber erſt die vollendeten Leiſtungen der Kampfſpicle erhoben die lebendige Menſchengeſtalt zur künſtleriſchen Bedeutung. Die religiöſe Weihe, die urſprünglich an den Feſtſpielen haftete und die nationale Bedeutung, die denſelben in der hiſtoriſchen Zeit zufiel, förderten und erhielten das Streben nach vollkommenſter Entwickelung der Grazie und Tüch⸗ tigkeit des Körpers, ſo daß bei der Gunſt des Klimas und der ſocialen Verhältniſſe Leibes— ſchönheit bald Gemeingut*) und Bedürfnis der Nation wurde und die völlige Nacktheit, die ſeit Ol. 15 bei den Feſtſpielen Sitte wurde, muß nicht bloß als ein Gebot des Klimas und der gymnaſtiſchen Zweckmäßigkeit, ſondern zugleich als Conſequenz des helleniſchen For⸗ menſinnes betrachtet werden.— Aber die Gymuaſtik förderte nicht bloß die Pflege der Schön— heit, ſie weckte auch das äſthetiſche Verſtändnis derſelben und brachte den Unterſchied zwi⸗ ſchen dem natürlich ſchönen und dem durch Kunſt harmoniſch durchgebildeten Körper zum allgemeinen Bewuſtſein. So hatte lange, bevor es der bildenden Kunſt gelang, die Schranken der erblichen Ueberlieferung zu überwinden und eine freie Technik zu erringen, der Schönheitsſinn der Nation bereits ſeine beſtimmte Richtung und der Künſtler brauchte ſich nicht erſt bei ſeinen Schöpfungen mit der öffentlichen Meinung aus einander zu ſetzen. Wie der dramatiſche Dichter der Griechen nicht mühſam neuen Stoff erfinden muſte, ſondern nur fertigen und gegebenen zu verarbeiten hatte und nicht zu fürchten brauchte, einem Theil der Nation unverſtändlich zu bleiben, ſo hatte weder der plaſtiſche Künſtler, noch der Beſchauer ſeiner Werke nöthig, aus der unſchönen Wirklichkeit in das Gebiet der Reflexion zu flüchten, um Ideale zu ſchaffen und zu verſtehen; die faſt ideale Um— gebung ſchuf und erhielt eine gehobene Stimmung und bewahrte trotz der typiſchen For⸗ men, die ſich nach und nach geltend machten, dem einzelnen Künſtler eine ſolche Selbſtän— digkeit, daß erſt ſeit dem Beginne des römiſchen Einflußes von eigentlicher Nachahmung und Vervielfältigung berühmter klaſſiſcher Werke geredet werden darf.**)— Bis dahin muß bei allen Wandlungen, welche die helleniſche Plaſtik erlebte, die Natur als Hauptſchule derſelben betrachtet werden und leicht begreift man, daß der griechiſche Künſtler weder *)„Die Gebilde der griechiſchen Kunſt laßen bei einem Volke, aus deſſen Mitte ſolche Ideale hervorgiengen,
im Ganzen auf einen ungemeinen Grad körperlicher Schönheit und Geſundheit ſchließen.“ Hermann
griech. privat. Alterth.§. 4.
**½) Hermann, Studien der griech. Künſtler S. 30.


