Aufsatz 
Ueber das Verhältnis des modernen Turnens zur hellenischen Gymnastik / von Adolf Hüffell
Entstehung
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ſondere Umſtände bedingten Verbreitung und Vereinigung der einzelnen Localculte ver⸗ breiteten und vereinigten ſich dann auch die an denſelben haftenden Agone und beſaßen bald nach dem Beginne der hiſtoriſchen Zeit bereits eine ſo allgemeine Anerkennung und Bedeutung, daß ohne ſie kein größeres Nationalfeſt bei den Griechen gedacht werden kann.

Anders bei den Römern. Hier wo der ganze Göttercult das Erzeugnis reflec⸗ tierenden Verſtandes war, wurde die ſchöpferiſche Volkslaune bei Feſtlichkeiten frühe durch die herbe Staatsautorität beſchränkt und für die ſpätere Litteratur unfruchtbar gemacht. Die mit dem römiſchen Gottesdienſte verbundenen Feſtſpiele aber müßen geradezu als von Staats wegen eingeſetzt betrachtet werden. Von Beamten geleitet, von verachteten Scla⸗ ven ausgeführt, muſten dieſe Spiele bei zunehmender Häufigkeit und Granſamkeit bald einen Theil ihres religiöſen Charakters verlieren und ſeit Ende der Republik gelten ſie bekanntlich als ein Hauptmittel, das Volk bei guter Laune zu erhalten.*)

Näher tritt dem helleniſchen Weſen in dieſer Beziehung der friſche Naturſinn der alten Germanen. Auch hier ſtehen die wichtigſten Feſte mit der Natur und ihrem jährlichen Wechſel im engen Zuſammenhang; auch hier erwies ſich der Trieb, die Feſtfreude zu drama⸗ tiſieren, fruchtbar für Poeſie und eine geregelte Leibesübung, denn der bei allen Volksfeſten gebräuchliche Schwerttanz, der nach Tacitus**) mit Kunſt und Anſtand ausgeführt wurde, war urſprünglich dem Schwertgotte Zio geweiht***) und die mit Kampfgeſprächen und Scheingefechten gefeierten Maifeſte, die den Sieg des einziehenden Sommers über den langſam weichenden Winter darſtellten, übten noch bis in die ſpäte Zeit die geiſtige und körperliche Schlagfertigkeit des Volkes.) Wenn die reichen, in dieſen naturaliſtiſchen Schauſpielen unſerer Vorfahren ſchlummernden Keime nicht zur vollen Entwickelung ge⸗ langen und als bleibendes Gut auf die Nachkommen übergehen konnten, ſo hieng dieß nicht ſowol mit der Einführung des Chriſtenthums zuſammen, welches bekanntlich die be⸗ deutenderen heidniſchen Naturfeſte beibehielt und nur umdeutete; es lag vielmehr in dem ſchweren Drucke, den der Feudalſtaat frühe auf die Maſſe des einſt freien Volkes ausübte und dadurch deſſen ſchöpferiſchen Frohſinn auf Jahrhunderte hin lähmte.

So war es alſo nur den Griechen unter glücklichen Verhältniſſen gelungen, jenen plaſtiſchen Trieb zu einem für Geiſt und Körper gleich fruchtbaren Element zu geſtalten und nicht bloß die Pflege der Kunſt und Wißenſchaft, ſondern auch die der Leibesübungen unter den Schutz der Religion zu ſtellen.

*) Friedländer in Beckers röm. Alterth. IV. S. 476. **) Germ. 24. ***) Simrock, deutſche Myth. S. 296. ) Intereſſante Mittheilungen von UhlandSommer und Winter in Pfeiffer's Germania V. 257.