Aufsatz 
Ueber das Verhältnis des modernen Turnens zur hellenischen Gymnastik / von Adolf Hüffell
Entstehung
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Schöne, was die Vorfahren beſaßen, verloren gieng, muſten erſt auf dem Wege der Reflexion zur Einführung geregelter Leibesübungen kommen, konnten dem Werthe derſelben nur allmäh lich Anerkennung erkämpfen und dürfen uns auch heute noch nicht rühmen, in denſelben eine gegen alle Vorurtheile geſicherte Einrichtung zu beſitzen.

Fragen wir nemlich nach dem Urſprung des Turnens in Deutſchland, ſo dürfen wir dasſelbe weder auf die Waffenſpiele der alten Germanen, noch auf die ritterlichen Turniere des Mittelalters, noch auf die Schützentage der kriegeriſchen Bürger des 15. und 16. Jahr⸗ hunderts zurückführen. Denn mit der Rechtsſtellung des gemeinen Freien verſchwanden entweder die herkömmlichen friſchen Leibesübungen, oder ſie verkümmerten zu roher Volks⸗ beluſtigung. Nur vereinzelt, wie in den Gebirgen der Schweiz, haben ſich volksthümliche Kampfſpiele erhalten. Die Turniere aber, die als ſtreng abgeſchloßene Feſte des ſtreitbaren Ritterſtandes ohnehin nur geringen Einfluß auf die Maſſe der Bevölkerung üben konnten, verloren ſich mit der veränderten Stellung des Adels, ohne nachhaltige Wirkung zu hinter⸗ laßen, und was endlich die Waffenfeſte der Bürger betrifft, ſo begrub auch hier der Fall der Städte auf lange Zeit hin jede Regung patriotiſchen Muthes und männlicher Kraft. Daß unter ſolchen Umſtänden die Thatenluſt der Jugend in Rohheit ausartete, begreift man leicht. Zwar wurden ſchon ſeit dem Bekanntwerden der griechiſchen Litteratur im Abendlande Stimmen laut, die auf die Erziehungsweiſe der Griechen hinwieſen*), und beſonders hatte der große Volkserzieher Luther Muſik und geregelte Leibesübungen als die beſten Mittel gegen die Verwilderung der Jugend mit kräftigen Worten empfohlen; aber die bald folgenden ſchweren Zeiten, welche die Exiſtenz der deutſchen Nation in Frage ſtellten, hatten keinen Raum für die Pflege derMuſika und des Ritterſpiels und die nachher herſchend gewordene franzöſiſche Unſitte in der Erziehung verdrängte vollends jede naturgemäße Pflege des Leibes.

Langſam arbeitete ſich der Deutſche aus dieſen verkommenen Zuſtänden empor und erſt in der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts, als der deutſche Geiſt aus langem Schlummer zu herrlichen Thaten erwachte, hat man auch dem leiblichen Gedeihen des Volkes die gebührende Aufmerkſamkeit wieder zugewendet und dadurch den Grund zum modernen Turnen gelegt. Zwar wurden in jener Zeit auch anderwärts gewichtige

*) Sadoleti opera III. pag. 113(Graeci) adhibuerunt gymnasticam et musicam, quarum altera corporis in puero motus, altera animi, effusos ipsos per sese et immoderatos, sub leges duasdam redigeret, ut cum suos naturae cursus impetusque permisisset, affingeret tamen duidam ex arte et disciplina, quod cum venustatem omnibus illis motionibus, tum corpori

valetudinem animo modestiam praeterea possct afferre, und mehr bei LangeLeibesübungen, Seite 53.