Ueber
das Verhältnis des modernen Turnens
zur
helleniſchen Gymnaſtik.
Die hohe Meiſterſchaft, welche helleniſche Poeſie, Wißenſchaft und Kunſt erreicht haben, iſt ſo unbeſtritten, der ſegensreiche Einfluß, den dieſelben fortwährend auf die Bildung der Nachwelt ausüben, iſt ſo anerkannt, daß derjenige das Vollendetſte geleiſtet zu haben ſcheint, der auf den genannten Gebieten den Griechen am nächſten gekommen iſt. Man könnte verſucht ſein, auch in Beziehung auf die Leibesübungen, welche endlich die gebührende Geltung in unſeren Schulen erlangt haben, einen gleichen Zuſammenhang zu erſtreben, um dadurch dem neuen Bildungsmittel höheren Werth und Empfehlung zu verleihen. Wenn aber ſchon bei den Erzeugniſſen der Dichtung und Kunſt die Verſchie⸗ denheit der antiken und modernen Anſchauung eine völlige Annäherung unmöglich macht, ſo iſt dieß bei den Leibesübungen noch weit mehr der Fall; denn die Gymnaſtik war eben die originellſte Seite im Leben der Hellenen und mit den Vorzügen und Schwächen dieſes merkwürdigen Volkes ſo innig verwachſen, daß eine unmittelbare Erneuerung und Wiedergeburt derſelben weder möglich, noch wünſchenswerth ſein kann.
Schon in dem Entwickelungsgang, den das moderne Turnen nahm, liegt ein nicht auszugleichender Unterſchied. Die Griechen, denen es bei ihrer Abgeſchloßenheit nach Außen vergönnt war, alle ihre geiſtigen und phyſiſchen Kräfte organiſch zu entwickeln und unge⸗ ſtört zum harmoniſchen Abſchluß zu bringen, beſaßen in ihrer Gymnaſtik eine durch uralte Ueberlieferung geheiligte Inſtitution, die mit den religiöſen, äſthetiſchen, politiſchen und ſocialen Bedürfniſſen der Nation längſt verwachſen war, als Geſetzgeber und Philoſophen anfiengen, ſie für ihre Zwecke zu benutzen. Wir, denen im Laufe der Zeiten ſo manches


