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anderes Wort mittels der noch daſtehenden Endungen deklinieren ¹) Wo das in den meiſten Formen noch deutlich hervortretende a des Stammes mit der Endung verſchmolzen iſt, z. B. in mensae, wird dies am Ausgange des Wortes, der dann die Stelle der Endung vertreten muß, durch Unterſtreichen oder auf ſonſtige Weiſe angedeutet. Von dem„Wortſtamme“ noch den„Wortſtock“ zu unterſcheiden, dürfte nicht ratſam ſein; die Schüler gewinnen dadurch nichts und werden leicht verwirrt. 2)
Warum das Subſtantivum in ſo mannigfaltiger Weiſe abgewandelt wird, mache der Lehrer den Schülern dadurch begreiflich, daß er ihnen, natürlich mit Weglaſſung des Artikels, etwa folgenden Satz vorführt:„Schüler liebt Lehrer.“ Es liegt auf der Hand, daß ein ſolcher Satz verſchiedene Auslegungen zulaſſen würde und daß, wenn nicht das Verhältnis der einzelnen Wörter zu einander im Deutſchen durch den Artikel, im Lateiniſchen durch die verſchiedenen Endungen genau beſtimmt würde, Mißverſtändniſſe unausbleiblich wären. 1
Haben ſich nun die Schüler die Endungen ſchon ziemlich feſt eingeprägt, dann lieſt der Lehrer das Paradigma aus der Grammatik mit ſtarker Hervorhebung der betonten Silben vor, und die Schüler wiederholen es ſo lange, bis jeder imſtande iſt es richtig herunterzuſagen. Nun wird die Einübung des⸗ ſelben ſowie die Erlernung der Kaſusbezeichnungen als Hausaufgabe geſtellt. Doch begnügt ſich der Lehrer ſchon am zweitfolgenden Tage nicht mehr damit, daß die Schüler die Formen des Paradigmas der Reihe nach herunterſagen können; vielmehr müſſen dieſelben in ſtets neuer Weiſe geübt werden. So wird z. B. den Formen die Bedeutung vorangeſtellt, oder mit dem Ablativ begonnen, oder werden die entſprechenden Kaſusformen des Singularis zu denen des Pluralis geſetzt. Zuletzt fragt der Lehrer nur noch einzelne Kaſusformen ab und zwar entweder in der Weiſe, daß er die Bedeutung nennt und ſich die lateiniſche Form ſagen läßt und umgekehrt, oder daß er den Kaſus bezeichnet, deſſen Form der Schüler anführen ſoll. Gelegentlich mögen auch die Schüler einem Mitſchüler einzelne Fragen vorlegen und zwar ſo, daß jeder eine neue Form vorbringen muß. ³) Die Einübung des Paradigmas erfolgt hauptſächlich in der Schule und zwar mündlich. Das ſchriftliche Deklinieren und Konjugieren ganzer Paradigmata iſt nicht zu empfehlen, da eine Korrektur ſolcher Arbeiten durch den Lehrer unmöglich iſt, und die Schüler dieſelben infolge deſſen ohne Sorgfalt anfertigen und ſich in die Fehler hineinſchreiben. Doch laſſe der Lehrer in jeder Stunde eine Anzahl einzelner Formen nach ſtets wechſelnden Geſichtspunkten geordnet an die Wandtafel ſchreiben. Anfangs achte er darauf, daß die Schüler ſich hierbei richtig anſtellen; ſpäter genügt es, nur dann noch, wenn ein Schüler mit Schreiben fertig iſt, die Aufmerkſamkeit der ganzen Klaſſe für einen Augenblick auf das Geſchriebene zu lenken und zu fragen, ob nichts verfehlt worden ſei.
Iſt auch die O. Deklination gelernt, ſo ergiebt ſich aus der Vergleichung ihrer Formen mit denen der A. Deklination, daß nur bei den Wörtern auf us die Vokativform von der des Nominativs abweicht, daß der Dativ und Ablativ Pluralis immer gleich ſind, und daß die Nomina ſächlichen Geſchlechtes den Nominativ, Akkuſativ und Vokativ gleich haben. Ferner zeigt es ſich, daß mehrere Kaſus der erſten und zweiten Deklination ganz übereinſtimmend gebildet werden, und daß der Stammauslaut beſonders klar im Genitiv Pluralis hervortritt.
Mit der Deklination der Subſtantiva zugleich wird auch die der Adjektiva auf us, a, um und er, a, um geübt.— Die Vergleichung der Beiſpiele puer und liber führt zu dem Reſultat, daß bei jenem das e zum Stamme gehört, während es ſich bei dieſem nur im Nominativ Singularis zwiſchen b und r
¹) Lattmann, die Reform des Elementarunterrichts, S. 13; zur Methodik, S. 36. Schrader, Erziehungs⸗ und Unterrichtslehre, S. 350.
²) Mohr. das lateiniſche Verbum in Sexta, Progr. des Gymnaſ. zu Bensheim 1880/81. S. 3.
³) Eckſtein, lateiniſcher Unterricht, in Schmid's Encyklopädie, Bd. 11. S. 585.


