Aufsatz 
Der lateinische Unterricht in der Sexta
Entstehung
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Endungen lernen ſie deshalb am beſten an der lateiniſchen Sprache kennen, und erſt dann veranlaßt ſie der Lehrer, auch einmal die entſprechenden deutſchen Formen im Zuſammenhange zu betrachten und zu ſehen, inwieweit die Bildungen beider Sprachen übereinſtimmen oder abweichen. ¹)

Wo ſich dieſelben ſehr nahe ſtehen, mag ſogleich nach der Betrachtung der lateiniſchen Formen auf die Aehnlichkeit derſelben mit den entſprechenden deutſchen hingewieſen werden; wo dagegen die Bil⸗ dungsweiſe weſentlich verſchieden iſt, ſchiebe der Lehrer die eingehende Betrachtung der deutſchen Formen ſo lange hinaus, bis er zum Ende des betreffenden Abſchnittes der lateiniſchen Grammatik gekommen iſt. Es wird z. B. eine eingehende Betrachtung der ſtarken deutſchen Konjugation am beſten erſt dann erfolgen, wenn die Schüler ſchon eine klare Ueberſicht über die lateiniſche Konjugation gewonnen haben.

Was die Verteilung des in der Sexta zu bewältigenden grammatiſchen Stoffes auf die Lektüre betrifft, ſo iſt dieſe im weſentlichen durch das Elementarbuch gegeben. Doch muß ſich der Lehrer gleich zu Anfang reiflich überlegen, welche Abſchnitte dieſes Penſums im Laufe beſtimmter Zeiträume zu behan⸗ deln ſein werden. Falls das Schuljahr zu Oſtern beginnt, muß er bis zum Beginne der Herbſtferien mit den 5 Deklinationen fertig ſein; die Deklination und Komparation der Adjektiva, die Grund⸗ und Ord⸗ nungszahlen, die Pronomina, das Hilfsverbum sum ſowie das Aktiv und vielleicht noch das Paſſiv von amo müſſen bis zu Weihnachten abſolviert, und endlich die 2. 3. und 4. Konjugation bis zum Schluſſe des Schuljahres geübt werden. Die getrennte Durchnahme der Deklinationen und Konjugationen iſt durchaus zu empfehlen. Wollte man die Verba zugleich mit den Nominibus behandeln, ſo würde einer langedauernden Verwirrung der Schüler kaum vorzubeugen ſein. Solche Verbalformen, deren Heranziehung zur Bildung der die Deklinationen behandelnden Sätze nicht zu vermeiden war, werden einfach als Voka⸗ beln gelernt.

Wie weit er an jedem Tage kommen will, muß ſich der Lehrer bei ſeiner häuslichen Präparation ſtets genau überlegen. Den Maßſtab für ſein raſcheres oder langſameres Vorſchreiten werden ihm die Leiſtungen ſeiner jeweiligen Schüler geben. Niemals darf er zu einem neuen Abſchnitte übergehen, ehe auch die weniger begabten Schüler ſich den ſeither behandelten Stoff völlig angeeignet haben. Stets be⸗ ſchränke man ſich auf das Allerweſentlichſte.

In dem Elementarbuche von Schmidt iſt die ſehr zweckmäßige Einrichtung getroffen, daß die Schüler, ehe ſie die Deklinationen kennen lernen, ſich bei Gelegenheit der Ueberſetzung leichter Sätzchen die wichtigſten grammatiſchen Begriffe aneignen. Sie werden auf den Unterſchied der 3 Genera aufmerkſam und ſehen, daß das Geſchlecht der entſprechenden Wörter der lateiniſchen und deutſchen Sprache nicht immer das gleiche iſt; ſie erfahren die Namen der wichtigſten Redeteile; das Fehlen der beiden Artikel im Lateiniſchen fällt ihnen auf; dem Singularis wird der Pluralis gegenübergeſtellt. Gelegentlich der Abſolvierung dieſerVorübungen prägen ſie ſich auch eine größere Anzahl von Vokabeln, namentlich von Subſtantiven und Adjektiven auf us, a, um ein, deren Kenntnis ihnen bei der nunmehr erfolgenden Einübung der erſten Deklination ſehr zu ſtatten kommt. Die Kaſusformen, die den Schülern jetzt in den Sätzen des Elementarbuchs entgegentreten, werden mit ihrer ſich aus dem Zuſammenhange mit Sicherheit ergebenden Bedeutung auf der Wandtafel zuſammengeſtellt und entſprechend den Fragen, auf die ſie ant⸗ worten, geordnet. So bringen die Schüler ſelbſt das Paradigma zuſtande. Durch eigene Beobachtung finden ſie ſodann, daß, während das Ende der Wörter vielfach verändert wird, der erſte Teil derſelben ſtets der gleiche bleibt. Nun geht es an eine genaue Feſtſtellung der Uebereinſtimmung oder Verſchieden⸗ heit der Endungen in den einzelnen Kaſus. Endlich läßt der Lehrer den Stamm auswiſchen und ein

¹) Verhandlungen der 1. Direktoren⸗Verſammlung in der Provinz Sachſen,Lehrgang des deutſchen Unterrichtes. A b.