Aufsatz 
Der lateinische Unterricht in der Sexta
Entstehung
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Wiederholungen ganzer Abſchnitte des Wörterverzeichniſſes ſtattfinden. So gebe der Lehrer z. B. alle angeſtrichenen Feminina auf tas auf einmal zur Wiederholung auf. Wenn es ſeine Zeit irgend erlaubt, verſäume er nicht die Vokabeln, die er repetieren laſſen will, nochmals der Reihe nach vorzuleſen; denn dadurch wird den Schülern das Memorieren außerordentlich erleichtert..

Bei den Repetitionen, die ohne häusliche Vorbereitung in der Stunde vorgenommen werden, empfiehlt es ſich, daß man die Wörter nach beſtimmten Geſichtspunkten zuſammenſtellen laſſe, z. B. nach ſachlichen; ſo werden alle Ausdrücke, die ſich auf das Haus oder den Wald beziehen, von den Schülern zuſammengetragen. ¹) Weit anregender noch iſt die etymologiſche Gruppenbildung, bei der ſtets vom primitivum auszugehen iſt, ſowie die ſynonymiſche.2) Der Unterſchied der Bedeutung von hostis und inimicus, facilis und levis, difficilis und gravis muß jedem Sextaner klar werden. Der etymologiſchen Zuſammenordnung der Wörter iſt deshalb mehr Aufmerkſamkeit zuzuwenden als der ſachlichen, weil heu⸗ tigen Tages nicht mehr die Einprägung der Sachbenennungen, ſondern die Erlernung der Sprache in ihrem inneren Bau der Hauptzweck des lateiniſchen Unterrichtes iſt. ³)

In den erſten Stunden frage der Lehrer die aufgegebenen Vokabeln ſelbſt ab, und zwar laſſe er ſich, damit die Schüler die Ueberzeugung gewinnen, daß ſie regelmäßig aufs gründlichſte geprüft wer⸗ den, von jedem die Bedeutung möglichſt vieler Wörter angeben. Reicht ſpäterhin manchmal die Zeit zu einer ſo eingehenden Prüfung nicht aus, ſo ſehe er doch unter keinen Umſtänden von der Prüfung einzel⸗ ner Schüler ganz ab; vielmehr laſſe er ſich im Notfalle von jedem wenigſtens die Bedeutung eines Wortes ſagen. Wenn er eine möglichſt knapp bemeſſene Aufgabe ſtellt und ſie in der Stunde ſchon ſorgfältig vorbereitet, ſo kann er auch mit Strenge darauf halten, daß dieſelbe aufs gründlichſte gelernt werde. Wenn die Antworten zögernd oder unkorrekt gegeben werden, geht durch das Wörterabfragen ſo viel Zeit verloren, daß das übrige Penſum nur noch ganz oberflächlich behandelt werden kann. Sollte daher ein Schüler die Bedeutung auch nur eines Wortes nicht ſogleich anzugeben imſtande ſein, ſo gilt ſeine Leiſtung als ungenügend, und er muß ſich abends bei dem Lehrer einfinden, um den Beweis zu liefern, daß er das Verſäumte nachgeholt hat. Wenn die Schüler wiſſen, welche Forderung der Lehrer an ſie ſtellt, memorieren ſie ihre Vokabeln mit entſprechender Gründlichkeit, und dann wird der Fall nicht oft eintreten, daß ihre Leiſtungen nicht genügen. Das Bewußtſein, daß es ihnen durch ihren Fleiß ſeither ſchon gelungen iſt, auch ſtrengen Anforderungen gerecht zu werden, erfüllt alsdann die Schüler mit Zu⸗ verſicht und läßt ſie friſchen Mutes an die Bewältigung jedes neuen Penſums herantreten.

Um Zeit zu erſparen, nehme der Lehrer beim Wörterabfragen alsbald die Hilfe der Schüler in Anſpruch, doch nicht in der Weiſe, daß er jedem Schüler geſtattete einen ſeiner Mitſchüler zu prüfen; ¹) vielmehr laſſe er einen Schüler ſein Buch öffnen und die Vokabeln der Reihe nach vorleſen. Er ſelbſt beſchränke ſich darauf, nachdem ein Wort genannt iſt, den Schüler aufzurufen, der die Bedeutung angeben ſoll. Zum Antworten fordere er zuerſt ſtets einen ſolchen Schüler auf, von dem er mit Sicherheit erwar⸗ ten kann, daß er ſchnell und präcis antworten wird; denn wenn der zuerſt gefragte Schüler ein langſames Tempo angiebt, fällt es ſchwer die folgenden zu raſcherem Antworten zu bringen.

Zuerſt werden die neu zu memorierenden Wörter abgefragt, dann diejenigen, welche zur Repetition aufgegeben waren, und zwar die letzteren von einem anderen Schüler, weil das ſchnelle und laute Abfragen

¹) Richter, der lateiniſche Elementarunterricht, S. 11. 2) Schiller, über Konzentration, S. 209. Verhandlungen der 4. Direktoren Verſammlung in der Provinz Sachſen. 1883. S. 21. 3) Schrader, Erziehungs⸗ und Unterrichtslehre, S. 355. ¹) Schmid's Encyklopädie Bd. 11, S. 591.