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daß auch die ſchwächeren Schüler dieſelbe richtig anzuwenden wiſſen. Dieſe Regel iſt nicht aus der Grammatik zu lernen, ſondern von den Schülern durch Vergleichung verſchiedener Beiſpiele feſtzuſtellen. Der Lehrer laſſe zunächſt eine Anzahl mehrſilbiger Wörter an die Wandtafel ſchreiben; die einzelnen Silben werden dabei getrennt, über die vorletzte jedesmal das Quantitätszeichen geſetzt, und die betonte mit einem Aeccente verſehen. Ohne Schwierigkeit finden alsdann die Schüler heraus, daß die Quantität der vorletzten Silbe für die Beſtimmung des Accentes maßgebend iſt, und inwiefern durch dieſelbe die Aecentuation beeinflußt wird. Dann ſchreibt der Lehrer mehrere den Schülern noch unbekannte Wörter an, bezeichnet die Quantität der vorletzten Silbe und läßt darauf den Accent ſetzen. Endlich müſſen die Schüler, wenn der Lehrer andere Wörter angeſchrieben und mit dem Accente verſehen hat, die Quantität der vorletzten Silbe angeben können. Wo er es von nun an noch nötig findet ein Wort accentuieren zu laſſen, giebt er nur die Quantität der vorletzten Silbe an und ruft dann einen Schüler auf, der zu be⸗ ſtimmen hat, über welche Silbe der Accent geſetzt werden ſoll.
Sobald zu der Ueberſetzung lateiniſcher Sätze in das Deutſche auch diejenige deutſcher in das Lateiniſche tritt, wird der Lehrer, weil in den deutſchen Stücken hauptſächlich nur die zu den entſprechenden lateiniſchen bereits gelernten Vokabeln wiederkehren, gezwungen ſein, zeitweiſe auch ſolche lernen zu laſſen, welche die Schüler noch nicht im Zuſammenhange des Satzes kennen gelernt haben; denn er muß darauf bedacht ſein, Tag für Tag den Wortſchatz um ein weniges zu vergrößern und nicht ſtoßweiſe bald ſehr viele bald gar keine neuen Wörter aufzugeben. Doch laſſe er alsdann, weil die Schüler alles, was ſie nicht wiederholt anwenden, bald wieder vergeſſen, ſtets nur ſolche Vokabeln lernen, denen die Schüler bei Gelegenheit der Lektüre alsbald ſicher begegnen werden. ¹) Auch ſuche er ihnen die Einprägung der Voka⸗ beln dadurch zu erleichtern, daß er ſie mit verwandten, die ihnen ſchon bekannt ſind, vergleichen läßt Es werden z. B. ſolche urverwandte Wörter zuſammengeſtellt, deren Form im Lateiniſchen wie im Deut⸗ ſchen ſich noch ähnlich geblieben iſt, wie longus und lang, ager und Acker, mus und Maus, vasto und verwüſten. Bei ſolchen Vergleichungen ſind ein paar Worte über die nahe Verwandtſchaft der lateiniſchen und deutſchen Sprache am Platze.— Auch Lehnwörter aus dem Lateiniſchen oder Franzöſiſchen werden zum Vergleiche herangezogen, z. B. domus und Dom, kructus und Frucht, voco und vox und Vokal, miles, militis und Militär, pars, partis und Partie.— Wo ſich ſonſt keine Anhaltspunkte bieten, mache man die Schüler auf den ähnlichen Klang oder den gleichen Anfang beider Wörter aufmerkſam.
Vor allem aber müſſen die verwandten lateiniſchen Vokabeln mit einander verglichen werden, wie periculosus mit periculum, iudico mit iudex und iudicium ꝛc. Wo es angeht, laſſe man mit Zu⸗ hilfenahme der Analogie aus der Bedeutung des früher gelernten Wortes auf die des neu zu lernenden ſchließen. Wenn z. B. laus, laudis das„Lob“ heißt, ſo wird laudo wohl heißen„loben“; aus der Bil⸗ dung von magnitudo, die„Größe“ wird gefolgert, daß longitudo bedeute die„Länge“; wenn permulti heißt„ſehr viele“, ſo wird perpauci wohl mit„ſehr wenige“ zu überſetzen ſein. Welche Freude macht es den Schülern, wenn nun im Verzeichnis wirklich die Bedeutung angegeben iſt, die ſie durch ihr Nach⸗ denken ſchon gefunden hatten. Auch die Bedeutung der in der Zuſammenſetzung häufig wiederkehrenden Präpoſitionen wie con(voco), ex(igo), prae(sum) merken ſich die Schüler bald.
Beſonders bei der Einprägung der Stammformen zu den verbis der 3. Konjugation werden ſich ſolche Vergleiche als praktiſch erweiſen. Der Lehrer frage z. B., wenn er das verbum figo aufgiebt, woran man behalten könne, daß das supinum„fixum“ lautet. Sogleich wird ein Schüler bemerken, daß er es an dem Worte„Fixſtern“ behalten werde. Das supinum„clausum“ iſt an dem Worte „Klauſe“,„collectum“ an„Kollekte“ leicht zu behalten. Auch die Gruppierung der verba nach dem
¹) Zippel, der Unterricht im Lateiniſchen, Fleckeiſens Jahrbücher 1883. S. 168.


