Die Voliabeln.
Darauf, daß die Schüler einen ausreichenden Wortſchatz gewinnen, hat der Lehrer ebenſo energiſch hinzuarbeiten als auf die gründliche Einprägung des grammatiſchen Penſums. Iſt doch ohne den Beſitz eines umfaſſenden Wortſchatzes den Schülern ſpäter eine genußreiche, gründliche und allmählich auch raſcher fortſchreitende Lektüre unmöglich. Die Erlernung der Vokabeln ſoll jedoch auch zur Verſtandes⸗ bildung der Schüler weſentlich beitragen; ſchon in den unteren Klaſſen müſſen ſie in die Elemente der Wortbildungslehre eingeführt werden.
Eine methodiſche Betreibung des Vokabellernens iſt aber nur bei Benutzung eines guten Vokabu⸗ lars möglich. Die ſtoffliche Anordnung der Vokabeln entſpricht nicht mehr dem heutigen Zwecke des Lateinunterrichtes; etymologiſch geordnete Vokabularien ſind mehr für die mittleren Klaſſen geeignet; zum Gebrauche in den unteren empfehlen ſich am meiſten die nach grammatiſchen Geſichtspunkten geordneten.
Sehr zweckmäßig iſt die Einrichtung des in dieſer Weiſe angelegten Vokabulars zu dem oben erwähnten Elementarbuche von Schmidt. ¹) Hier ſind die Wörter mit gleicher Endung zuſammengeſtellt und wiederum nach dem Geſchlechte geordnet. Die Schüler müſſen ſomit beim Aufſchlagen eines Sub⸗ ſtantivs zunächſt die Endung, außerdem aber auch das Genus und zuletzt noch die alphabetiſche Reihen⸗ folge beachten.
Neuerdings hat Perthes²) auf die Zweckmäßigkeit eines ſchon von Ratkes) empfohlenen Verfahrens hingewieſen: Da die Erlernung der Vokabeln den Schülern leichter werde, wenn ſie eine lebendige und klare Vorſtellung der bezeichneten Gegenſtände beſäßen, ſolle ſie der Lehrer erſt dann lernen laſſen, wenn die Sätze, in denen ſie zuerſt vorkämen, ſchon oftmals repetiert worden ſeien; die Schüler müßten alſo jedes Wort, das ihnen zum Auswendiglernen aufgegeben werde, bereits in einem beſtimmten Zuſammenhange kennen.— Nun dürfte es zwar nicht ratſam ſein, ein Stück mehrere Tage nach einander repetieren zu laſſen, ohne daß man die in ihm vorkommenden Wörter feſt erlernen läßt; denn die Schüler würden, wenn ihnen die ſichere Kenntnis der Vokabeln noch abgeht, beim Ueberſetzen darauf angewieſen ſein, die Bedeutung vieler Wörter aus dem Zuſammenhange zu erraten, und infolge dieſer ſteten Unſicher⸗ heit ſich an Stümperei gewöhnen; doch möchte es ſich allerdings empfehlen, daß man die in einem Leſe⸗ ſtücke neu vorkommenden Wörter erſt an dem Tage zum Memorieren aufgebe, an dem die Schüler das betreffende Stück zum erſten Male überſetzt haben. Alsdann wird ihnen die Einprägung der Vokabeln nicht mehr viel Schwierigkeit machen; denn auch beim Wörterlernen muß es als Grundſatz gelten, daß die häusliche Arbeit ſich auf eine Repetition des in der Schule bereits Gelernten zu beſchränken habe. ⁴)
Wie ſchon oben erwähnt, läßt der Lehrer anfangs jede Vokabel von ſämtlichen Schülern nach⸗ ſprechen, ſpäterhin wenigſtens von mehreren wiederholen. Um ganz ſicher zu ſein, daß die Schüler die Vokabeln durchaus korrekt einüben, laſſe der Lehrer, wo es ihm nötig ſcheint, die Zeichen der Quantität eintragen und zwar nicht bloß da, wo ihre Kenntnis für die Beſtimmung der Accentuation notwendig iſt. Daß dieſe Zeichen beim Lateinſchreiben nicht gebraucht werden dürfen, erſehen die Schüler ſchon aus dem Umſtande, daß ſie in den Sätzen des Elementarbuchs fehlen. Wo die Betonung ſchwer zu behalten iſt, laſſe man Accente ſetzen, z. B. éduco erziehen und edúco herausführen. Dieſes Hilfsmittels wird ſich der Lehrer ſo lange bedienen, bis er die Accentregel durchgenommen und die Ueberzeugung gewonnen hat,
¹) Perthes, zur Reform des lateiniſchen Unterrichts, Zeitſchr. für Gymnaſialweſen 1874, S. 406. ²) Perthes, zur Reform, S. 412.
²³) Raumer, Geſchichte der Pädagogik, Bd. 2. S. 36.
⁴) Lattmann, zur Methodik des grammatiſchen Unterrichts, Göttingen 1866. S. 33.


