Aufsatz 
Der lateinische Unterricht in der Sexta
Entstehung
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mit lauter Stimme einen lateiniſchen Satz nach dem anderen vorleſen. Nur ſo lange wird jedesmal ein⸗ gehalten, bis ein anderer Schüler den Satz fließend nachgeſprochen und die Ueberſetzung gegeben hat. ¹)

Auf das Ueberſetzen aus dem Lateiniſchen iſt ſtets der Schwerpunkt zu legen, ²) da ſich nur dann, wenn die Schüler viel gutes Latein leſen und ſprechen hören, ihr Sprachgefühl entwickeln kann. Doch wird es dem Lehrer nicht möglich ſein durch die Ueberſetzungen aus dem Lateiniſchen ein ſicheres Urteil darüber zu gewinnen, inwieweit der Lernſtoff Eigentum der Schüler geworden iſt. Zu dieſem Zwecke laſſe er vielmehr die deutſchen Sätze und Stücke des Elementarbuchs, die genau nach den lateiniſchen gearbeitet ſind, in das Lateiniſche übertragen. Hierbei muß es ſich zeigen, ob die Schüler das Gelernte auch anzuwenden wiſſen. Iſt ein deutſcher Satz mit genauer Konſtruktion ins Lateiniſche übertragen, ſo muß noch die richtige Wortſtellung gegeben werden. Bei derzweiten Repetition deutſcher Abſchnitte läßt der Lehrer wiederum alle Schüler bis auf einen, der die Sätze vorleſen ſoll, die Bücher ſchließen. Jeder vom Lehrer aufgerufene Schüler wiederholt zunächſt den deutſchen Satz und giebt ſodann, und zwar jetzt ohne Konſtruktion, die lateiniſche Ueberſetzung. Späterhin kann auch die Wiederholung des deutſchen Satzes unterbleiben.

Neben der Uebertragung der deutſchen Sätze des Elementarbuchs ins Lateiniſche wird auch das Retrovertieren fleißig geübt, das nach und nach die erſtere Uebung zu einem gewiſſen Grade entbehrlich machen kann. Bei dieſem Verfahren überſetzt anfangs der Lehrer, ſpäterhin an ſeiner Stelle ein Schüler einen lateiniſchen Satz nach dem andern ins Deutſche; dann wird der vorgeſprochene deutſche Satz von einem anderen wiederholt und ins Lateiniſche zurücküberſetzt.)) Natürlich darf dieſe Uebung erſt bei der zweiten Repetition eintreten.

An die Stelle dieſer ſtreng dem vorliegenden Texte folgenden Retroverſion, die auch den Vorzug hat, daß die Schüler gutes Latein, nämlich das des Textes, zu hören bekommen, treten allmählich Varia⸗ tionen des Leſeſtoffes. Der Lehrer ändert den Text und läßt ſich von den Schülern die Ueberſetzung geben; er vertauſcht z. B. den Numerus, fügt andere Attribute ein, wählt neue Verba, läßt aktive Sätze in paſ⸗ ſive umwandeln ꝛc. ¹) Dadurch wird einem gedankenloſen Herunterſagen des lateiniſchen Textes vorgebeugt. Allmählich müſſen auch die Schüler veranlaßt werden, nach Analogie der bereits durchgenommenen neue Sätze zu bilden. ³) Es iſt dies eine ausgezeichnete Vorübung zum Lateinſprechen.

Für das raſchere oder langſamere Vorſchreiten bei der Lektüre iſt die Faſſungskraft der Schüler maßgebend. Mit einer guten Klaſſe kann der Lehrer mehr Material bewältigen als mit einer ſchlechten; auf keinen Fall jedoch wird er bei einer ſo gründlichen Verarbeitung des Leſeſtoffs imſtande ſein, die ſämtlichen Sätze und Stücke des Elementarbuchs durchzunehmen. Die Hauptſache iſt immer, daß die Schüler die Sätze ſo gründlich durcharbeiten, daß ſie dieſelben nur infolge der mehrfachen Repetition in der Schule auswendig wiſſen.

¹) Schiller, der lateiniſche Stil, S. 11. ²) Eckſtein, lateiniſcher Unterricht, in Schmid's Encyklopädie Bd. 11. S. 582. Richter, der lateiniſche Elementarunterricht und die Perthes'ſchen Bücher, Jahresbericht des Gymnaſiums zu Jena 1880/81. S. 7. ³) Eckſtein, lateiniſcher Unterricht, in Schmid's Encykl. Bd. 11. S. 671. Schiller, der latein. Stil, S. 13. ) Schmalfeld, Erfahrungen auf dem Gebiete des Gymnaſialweſens, Berlin 1857. S. 112. Ellger, der lateiniſche Unterricht in Sexta, Zeitſchrift für Gymnaſialweſen 1873 S. 172. ) Schiller, über Konzentration im lateiniſchen Unterricht, S. 205.