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Für den nächſten Tag haben die Schüler die angeſtrichenen Wörter zu lernen und den durchge⸗ nommenen Abſchnitt nochmals zu leſen und zu überſetzen. Gleich zu Anfang mache ſie der Lehrer darauf aufmerkſam, daß ſie die lateiniſchen Sätze auch zu Hauſe ſtets laut leſen ſollen, damit ihre Zunge geübt werde, und ſie den Klang der Wörter recht deutlich ihrem Ohre einprägen. Zu dieſem Zwecke laſſe er auch von Zeit zu Zeit in der Schule mehrere Seiten der bereits überſetzten lateiniſchen Sätze und Stücke im Zuſammenhange herunterleſen. Dieſe Uebung iſt beſonders in der letzten Stunde vor dem Beginn der Ferien am Plaatze; die Schüler gewinnen hierbei zugleich einen Ueberblick über das, was ſie während eines längeren Zeitraumes bewältigt haben.— Auch aus dem Grunde iſt ſtrenge auf fließendes Leſen zu halten, weil die Schüler, wenn ſie ein Stück mehrmals geleſen haben, den Inhalt leichter verſtehen. Mit dem Herunterleſen des eingeübten Stückes muß ſtets einer der beſſeren Schüler den Anfang machen.
Schon am zweiten Tage ruft der Lehrer, nachdem ein Satz des neuen Penſums geleſen iſt, und die Wörter angeſtrichen und wiederholt nachgeſprochen ſind, einen Schüler zum Ueberſetzen auf; denn daß der Lehrer wie in der erſten Stunde ſo auch weiterhin ſelbſt die Ueberſetzung gebe, iſt darum nicht rat⸗ ſam, weil die Schüler dann nicht an die ſcharfe Betrachtung und Auffaſſung der Formen gewöhnt werden könnten. Und wie groß iſt ihre Freude, wenn es ihnen gelingt, ſelbſt die richtige Ueberſetzung zu finden! Leichtere Sätze laſſe man ſtets von einem der ſchwächeren Schüler überſetzen; dieſe bedürfen am meiſten der Ermunterung und würden, wenn der Lehrer ſie vom Vorüberſetzen ausſchlöſſe, den Mut verlieren. Eine häusliche Präparation auf die neu zu überſetzenden Sätze wird niemals verlangt.
Haben die Schüler langſam fortſchreitend die„Vorübungen“ durchgearbeitet, ſo muß das ſeither beim Ueberſetzen eingehaltene Verfahren inſofern geändert werden, als von nun an auf genaues Con⸗ ſtruieren zu halten iſt. Nur dann wird dem Schüler das Verhältnis der einzelnen Satzteile zu einander völlig klar, wenn er bei jedem Worte Kaſus, Genus und Numerus denkt,„und da dieſes Alter in der Regel nur korrekt denkt, wenn es ſprechen muß, auch ausſpricht.“ ¹) Erſt nach einiger Zeit werden nur noch die Fragen geſtellt, die dem Schüler zur Auffindung des richtigen Kaſus dienen ſollen.
Auf dieſe Weiſe kommt zunächſt eine ſtreng wörtliche Ueberſetzung zuſtande. Zwar ſtellt der Lehrer mit Hilfe der Schüler dann ſogleich auch eine dem deutſchen Idiome angemeſſene Ueberſetzung feſt; ²) doch fordert er bei der in derſelben Stunde noch mehrfach vorzunehmenden Wiederholung des Satzes ſtets zuerſt wieder die ſtreng wörtliche. Auch die ſchwächeren Schüler müſſen zuletzt imſtande ſein dieſelbe ohne Anſtoß zu geben. Um die ſtrengſte Aufmerkſamkeit zu erzwingen, läßt der Lehrer jeden Schüler, der bei der Wiederholung auch nur einen Fehler macht, ſogleich niederſitzen und ruſt einen ande⸗ ren auf, der ihm den Satz vorüberſetzen ſoll. Dann wird der erſtere nochmals vorgenommen, und dies ſo lange fortgeſetzt, bis er den Satz fehlerfrei wiedergeben kann. Es macht dem Schüler einen viel tiefe⸗ ren Eindruck, wenn ein Mitſchüler ſeine Fehler berichtigt, als wenn dies der Lehrer thut; muß er ſich doch ſagen, daß er, wenn er aufmerkſamer geweſen wäre, ebenſo gut die richtige Ueberſetzung hätte geben können. Alle Schüler werden auch dadurch zu regſter Aufmerkſamkeit genötigt, daß ſie jeden Augenblick gewärtig ſein müſſen zur Korrektur aufgerufen zu werden.
Den Inhalt ſchwer verſtändlicher Sätze erklärt der Lehrer nur ſo weit, als es ihm durchaus notwendig erſcheint.
Das ſtrenge Konſtruieren wird auch noch bei der am nächſten Tag erfolgenden„erſten“ Repetition gefordert; erſt bei der Tags darauf ſtattfindenden„zweiten“ Repetition geben die Schüler nur eine flie⸗ ßende Ueberſetzung in gutem Deutſch. Der Lehrer läßt hierbei nur einen Schüler ſein Buch öffnen und
¹) Schiller, der lateiniſche Stil, S. 11. ²) Schrader, Erziehungs⸗ und Unterrichtslehre für Gymnaſien und Realſchulen, Berlin 1868. S. 349.


