— 4—
Die Lektüre.
Die Lektüre muß die Baſis des geſamten ſprachlichen Unterrichts bilden.¹) Durch ſie gewinnen die Schüler die Kenntnis der Wörter und ihrer Verwandlungen, aus ihr lernen ſie die Regeln des Satz⸗ baues kennen, an die Lektüre ſchließen ſich die Uebungen im mündlichen und ſchriftlichen Gebrauche der lateiniſchen Sprache an. Deshalb iſt es eine durchaus berechtigte Forderung, daß das lateiniſche Elemen⸗ tarbuch von ſolcher Beſchaffenheit ſein müſſe, daß es die allſeitige Entwicklung und die„Ineinsbildung“ ſämtlicher Zweige des Unterrichts möglichſt erleichtert. Dies iſt in beſonderem Maße der Fall bei dem an unſerer Anſtalt eingeführten Elementarbuch von Hermann Schmidt, deſſen Vorzüge in neuerer Zeit vielfach die verdiente Anerkennung gefunden haben.²) Bei meinen Ausführungen werde ich im weſentlichen dem Gange dieſes Buches folgen.
Der Lehrer beginne ſeinen Unterricht mit einer kurzen, natürlich möglichſt elementar gehaltenen Einleitung über die Geſchichte der lateiniſchen Sprache. Möglichſt mit Hilfe der Schüler ſtelle er feſt, von welchem Volke die lateiniſche Sprache geſprochen wurde, wo dasſelbe wohnte; er bemerke, daß die lateiniſche Sprache im Verkehr der Völker nicht mehr gebraucht werde, 3) und frage, welche Sprachen aus der lateiniſchen hervorgegangen ſind. Auch mag er kurz erörtern, warum wir noch heutigen Tages die lateiniſche Sprache erlernen.
Dann wird die Einrichtung des Elementarbuchs erklärt, und hierauf ſogleich der erſte Satz vom Lehrer mit lauter Stimme mehrmals nach einander vorgeleſen. Nach und nach müſſen ſämtliche Schüler denſelben nachleſen und nachſprechen und zwar ſo lange, bis jeder imſtande iſt ihn fließend und richtig zu wiederholen. Auf die völlig korrekte Ausſprache der einzelnen Laute, die ſtrenge Beachtung der Quan⸗ tität und die richtige Betonung wird das größte Gewicht gelegt. Der Lehrer weiſe darauf hin, daß die⸗ jenigen, welche die Vokale und Konſonanten nicht völlig rein ausſprechen, beim Lateinſchreiben beſonders viele orthographiſche Fehler machen. ²) Während des ganzen Sextakurſus müſſen die Schüler täglich im korrekten und auch ſinngemäßen Leſen geübt werden.
Ehe er die Ueberſetzung giebt, fordert der Lehrer die Schüler auf in dem kurzen Wörterverzeich⸗ niſſe, das in den„Vorübungen“ jedem Abſchnitte vorausgeht, nachzuſehen, ob ſie nicht die in dem Satze vorkommenden Wörter finden können. Dieſe werden alsdann durch kleine Bleiſtiftſtriche bezeichnet, und jedes mit der Bedeutung vom Lehrer vorgeſprochen und von ſämtlichen Schülern wiederholt. Dann lieſt der Lehrer nochmals den ganzen Satz vor und giebt die Ueberſetzung; beides muß nun wiederum von den Schülern geübt werden.
In den erſten Stunden gehe man möglichſt langſam voran und repetiere die Sätze und Wörter ſo oft, daß die Schüler ſie am Ende der Stunde ſchon auswendig wiſſen. Bei keinem darf der Gedanke aufkommen, daß das Lateinlernen für ihn zu ſchwierig ſei; jeder muß ſich vielmehr ſeiner Aufgabe völlig gewachſen fühlen und dadurch Freude am Lernen gewinnen.
¹) Lattmann, die Combination der methodiſchen Principien in dem lateiniſchen Unterrichte der unteren und mitt⸗ leren Klaſſen, Programm des Gymnaſiums zu Clausthal 1881/82. S. 12. ²) Perthes, zur Reform des lateiniſchen Unterrichts, Zeitſchrift für Gymnaſialweſen 1874. S. 406. Eckſtein, lateiniſcher Unterricht, in Schmid's Encyklopädie Bd. 11. S. 583. Kübler, über Semeſtralcurſe des lateiniſchen Unterrichts in Sexta, Jahresbericht des Wilhelms⸗Gymnaſiums in Berlin 1880. S. 6. Schiller, über Konzentration im lateiniſchen Unterricht, Zeitſchrift für Gymnaſialweſen 1884. S. 199. ³) Klügel, der lateiniſche Unterricht in Sexta, Jahresbericht über das Gymnaſium in Blankenburg 1883/84. S. 4. ¹) Hirzel, Vorleſungen über Gymnaſialpädagogik. Tübingen 1876. S. 168.


