Aufsatz 
Der lateinische Unterricht in der Sexta
Entstehung
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Der lateiniſche Unterricht in der Serta

von

Gymnaſiallehrer Dr. Karl Hoffmann.

Der lateiniſche Sprachunterricht hat die Aufgabe, die Grundlage für grammatiſche Erkenntnis überhaupt zu bilden; ¹) deshalb muß er mit beſonderer Gründlichkeit betrieben werden, namentlich in der Klaſſe, in der die Schüler zur ſicheren Beherrſchung der erſten Elemente gelangen ſollen, in der Sexta. Zwar ſind dem lateiniſchen Unterricht in dieſer Klaſſe 9wöchentliche Stunden eingeräumt; da aber das in denſelben zu bewältigende Penſum, die geſamte regelmäßige Formenlehre mit Ausſchluß der Depo⸗ nentia, ein ſehr umfangreiches iſt, und nicht an ſchon Bekanntes angeknüpft werden kann, ſo bedarf es zur Erreichung des Zieles nicht geringer Anſtrengung ſowohl des Lehrers als auch der Schüler. Vor allem gilt es die Stunden möglichſt auszunutzen, damit die Hauptſache in der Schule gelernt werde, und den Schülern für die häusliche Arbeit nur eine gründliche Repetition des Gelernten übrig bleibe.

Der Lehrer muß ſich, damit in ſeinem Unterrichte keine Pauſen entſtehen, ſchon tags zuvor genau überlegen, was und wie er es durchnehmen will. Damit der Unterricht für die Schüler recht fruchtbrin⸗ gend werde, müſſen alle Teile desſelben in die engſte Beziehung zu einander treten. Niemals dürfen z. B. die Ueberſetzungsübungen oder der grammatiſche Unterricht in geſonderten Stunden betrieben werden; vielmehr iſt die Thätigkeit der Schüler täglich in mannigfaltigſter Weiſe in Anſpruch zu nehmen. ²) So weit dies irgend durchzuführen iſt, laſſe man die Schüler in jeder Stunde überſetzen, Wörter lernen, Formen bilden und an die Wandtafel ſchreiben, Sprechübungen anſtellen ꝛc. Nur ſo wird dem Uebel⸗ ſtande, der einer allzulange fortgeführten Behandlung einer einzigen Seite des Sprachunterrichts ſtets auf dem Fuße folgt, vorzubeugen ſein, daß nämlich die Schüler durch die übermäßige einſeitige Anſpannung ſchlaff werden und nicht mehr imſtande ſind dem Unterricht mit voller Aufmerkſamkeit zu folgen.

Das Ineinandergreifen der ſämtlichen Zweige des Unterrichts iſt aber nur dadurch zu erreichen, daß dem wichtigſten derſelben, der Lektüre, eine hervorragende Stellung eingeräumt wird, und alle übrigen aufs engſte mit ihr verbunden werden.

¹) Lehrplan für die Gymnaſien des Großherzogtums Heſſen. Darmſtadt 1884. S. 2. ²) Schiller, der lateiniſche Stil im Gymnaſium, Programm des Gymnaſiums zu Gießen 1877. S. 10. 1