Aufsatz 
Die Politik König Wenzels gegenüber Fürsten und Städten im Südwesten des Reiches : 1. Teil. Von seiner Wahl bis zum Vertrag zu Heidelberg
(1384)
Entstehung
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Karl brachte unterdessen seinem Sohne und seiner Dynastie das Opfer einer beschwerlichen Winterreise nach Paris, einmal um seinem Nachfolger die Gewogenheit des verwandten französischen Königshauses zu sichern, sodann aber um eine Verständigung über die im Januar 1377 erfolgte Übersiedelung des Papstes Gregor XI. von Avignon nach Rom herbeizuführen.¹) Dabei erfolgte die Übertragung der Statthalterschaft im Delfinat und im ganzen Königreich Arelat an den französischen Thronfolger.) Auf der Rückreise von Frankreich(Februar März 1378) besuchte der Kaiser den Kurfürsten Ruprecht I. in dessen Residenz Heidelberg.¹) Wir legen auf diesen Umstand besonderen Wert und glauben, daß das Verhältnis, in dem Karl IV. zu Ruprecht stand, von denjenigen Forschern zu wenig beachtet wird, die meinen in Ruprecht I. einen geheimen Gegner Wenzels erblicken zu sollen. Schon Häusser hob hervor,⁴4) daß diese beiden Fürsten von den Regierungsanfängen bis zum Tode Karls ein Band enger, nur selten getrübter Freundschaft und vollsten Vertrauens ver- knüpfte. Karl räumte dem Pfalzgrafen einen bedeutenden Einfluß in den Reichsangelegenheiten ein, und indem er im Mai 1354 jene Bedingung des Vertrags von Pavia, wonach die Kurwürde zwischen Pfalz und Bayern wechseln sollte, aufnob und Ruprecht und dessen Nachfolgern den aus- schließlichen Besitz der Kur zusprach, schuf er zwischen der älteren Linie der Wittelsbacher und der jüngeren eine lange andauernde Entfremdung, so daß es durchaus verfehlt ist, Ruprecht als den Vertreter wittelsbachischer Thronansprüche überhaupt hinzustellen, wie dies u. a. Voißs) thut. Gewiß war es ferner die Persönlichkeit Ruprechts, die dem pfälzischen Kurlande alle jene be- deutenden Vorteile und Rechte verschaffte, die ihm in der goldenen Bulle dauernd verliehen wurden. Wir halten darum, besonders aber auch im Vorausblick auf unten zu betrachtende Thatsachen, die Vermutung nicht zurück, daß der kranke Kaiser den trotz seiner 70 Jahreë) noch immer rüstigen Pfalzgrafen dem zukünftigen Herrscher als treuen schützenden Berater empfohlen habe.

Die verworrenen Verhältnisse in Süddeutschland hoffte der Kaiser auf einem großen Reichs- tage zu Nürnberg, dem letzten, den er hielt, zu ordnen. Zunächst gelang ihm eine einstweilige Versöhnung in Schwaben. Aber die Sühne und Richtung, die er am 30. August zwischen Bischof Gerhard von Würzburg und den Grafen Eberhard und Ulrich von Würtemberg und Kraft von Hohenlohe einerseits und den schwäbischen Reichsstädten Rotenburg a. d. Tauber nebst anderen Städten und ihrer Partei andrerseits bewirkte,?) hat wol allerwärts den Eindruck hervorgebracht, den Ulman Stromer wiedergibt in den stolzen Worten: Der Friede ward geschlossen nach der Städte Willen. ³)

Nicht minder gab sich der Kaiser Mühe, auch in den übrigen Gegenden des Reiches den Frieden wiederherzustellen oder zu sichern. Am 5. Mai schon hatten Karl und Wenzel von Bud- weis aus den oberrheinischen Landfrieden bestätigt, den, wie Lindner?) vermutet, Pfalzgraf Rup- recht I. im Auftrage des Kaisers unter den zunächst Beteiligten vermittelt hatte, und der nun als vom Kaiser angeordnet galt. ¹⁰) Der Landfriede sollte zwei Jahre dauern. Die Teilnehmer zerfielen in drei Gruppen: Ruprecht der ältere und der jüngere von der Pfalz und die Markgrafschaft Baden Herzog Wenzel von Luxemburg mit der Landvogtei Elsaß, Ulrich von Finstingen als derzeitiger Vogt Herzog Wenzels und zugleich für sich selbst, und 11 elsäßische Reichsstädte als drittes

¹) Scholz, die Zusammenkunft Kaiser Karls IV. und Karls V. von Frankreich im Jahre 1378, Einladungs- schrift des Gymnasiums zu Brieg 1877. Lindner, a. a. O., Beilage III. ²) Winkelmann, die Beziehungen Kaiser Karls IV. zum Königreich Arelat, ein Beitrag zur Reichsgeschichte des 14. Jahrhunderts, Straßburg 1882, S. 62 ff. W. vermutet, daß Frankreich durch seine Zustimmung zu der Rückkehr des Papstes nach Rom die

arelatischen Concessionen erkaufte. ³) R. A., Bd. I, S. 155, Anm. 1. 4) Geschichte der rheinischen Pfalz, Bd. I, S. 162 ff.) Voiss, de Wenceslao rege Romanorum, Diss. Bonn 1869, S. 31.) Häusser, a. a. O., S. 149.) R. A., Bd. I, Nr. 119. 8) St.-Chr., I, S. 38»und der Krieg ward aller schon verrichtet nach der

Städte willen«.*) a. a. O., Beilage IV und Bd. I, S. 65. ¹10) R. A., Bd. I, S. 116, 117.