Aufsatz 
Die Politik König Wenzels gegenüber Fürsten und Städten im Südwesten des Reiches : 1. Teil. Von seiner Wahl bis zum Vertrag zu Heidelberg
(1384)
Entstehung
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aber das nötigt noch nicht anzunehmen, daß die Pfälzer insgeheim der Wahl Wenzels nicht geneigt gewesen seien. Dies Gelöbnis oder dieser Vertrag hatte doch nur einen eventuellen Vorteil für Karl und seine Familie; er selbst hat also den Vorschlag dazu gemacht. Die Gründe dafür, daß Karl, der doch die Wahl seines Sohnes aus allen Kräften erstrebte, mit der Möglichkeit rechnete, es könne ein Andrer als Wenzel sein Nachfolger werden, lassen sich vermutungsweise angeben: die Wahl Wenzels fand erst im Juni 1376 statt, also 15 Monate, nachdem Karl durch die Versprech- ungen der Kurfürsten der Erreichung seines Zieles sicher war. Karl hat offenbar gewartet, bis Wenzel 15 Jahre alt, also nach fränkischem Rechte mündig war.¹) Darum ließ er sich von den beiden jüngeren Ruprechten versprechen, daß derjenige, der nach dem Tode Ruprechts I. Kurfürst würde, Wenzel seine Stimme geben solle. So gut nun der vorsichtige Kaiser sich hier für den Fall des Todes Ruprechts sicher stellte, konnte er, der in seinen letzten Jahren schwach und krank war, auch die Möglichkeit bedenken, daß er sterbe, bevor Wenzel gewählt oder überhaupt wähl- bar sei. Dann war es sehr fraglich, ob die Kurfürsten ihre Stimmen auf den minorennen Wenzel vereinigen würden, und es war dann selbstverständlich das pfälzische Haus, das gemäss seiner Stellung die aussichtsreichsten Ansprüche auf die Krone hatte. Erwägungen dieser Art mögen es gewesen sein, die Karl IV. veranlaßten, für alle Fälle dafür zu sorgen, daß die Einung, die er am 4. Oktober 1374 zu Nürnberg für sich und seine Familie mit den bayrischen und pfälzischen Fürsten abgeschlossen hatte, nicht in Vergessenheit geriet, ein Vertrag, in dem sich beide Teile in erster Linie verpflichteten, einander nicht nach ihren Besitzungen zu streben.²) Wir betrachten darum gleich Lindner den Vertrag vom 22. Februar 1375 als einen Act höchster Vorsicht zu dem Zwecke, die Mark Brandenburg auf alle Fälle dem luxemburger Hause zu bewahren.

In die Verhandlungen mit der Kurie ist erst durch die Untersuchungen von Weizsäcker das rechte Licht gekommen. Er hat das Verdienst, nachgewiesen zu haben, daßvor der Er- wählung König Wenzels weder eine Bitte von Seiten des Kaisers um eine rechtskräftige Genehmigung zur Vornahme der Wahl, noch eine solche Genehmigung von Seiten des Papstes erfolgt ist.¹³) Dieser Erfolg gegenüber den Bestrebungen Gregors XI., der die Vornahme einer deutschen Königs- wahl ohne päpstliche Genehmigung aus allen Kräften zu hindern suchte und den Kaiser durch seine Gesandten förmlich bestürmte, mit seinem Sohne Wenzel nach Avignon zu kommen, vergeblich Drohungen und Schmeicheleien häufend dieser Erfolg war aber nicht das Werk und das Ver- dienst Karls, sondern er wurde erstritten von den Kurfürsten.4) Sie waren es, die im Sinne des Kurvereins von Rense und im Geiste eines Marsiglio von Padua den Kaiser veranlaßten, die Forderungen Gregors zurückzuweisen und einmal tüchtig krank zu werden, um das früher gegebene Versprechen eines Besuches in Avignon nicht einlösen zu müssen.Heiliger Vater, schrieb Karl dem Papste am 30. März 1376die Kurfürsten des Reichs... haben einmütig beschlossen, daß zu Pfingsten in Frankfurt die Wahl und darauf ohne längeren Aufschub zu Aachen die Krönung stattfinden solle.5) Die Kurfürsten wollen also völlig selbstständig handeln, ohne Rücksicht auf den Papst, aber auch ohne Rücksicht auf den Kaiser, der sich insgeheim wieder beim Papst über das schroffe Vorgehen der Fürsten beklagt.ö6) Als aber die versammelten Kurfürsten Kenntnis von dem Ansinnen des Papstes erhielten, daß Wenzel vor seiner Approbation weder Amtshandlungen vornehme, noch das königliche Siegel führe, noch sich krönen lasse, noch auch sich König nenne da gaben die Kurfürsten in Gegenwart des Kaisers, der ihnen den Brief vorlas, ihrer tiefsten Ent- rüstung lärmenden Ausdruck,²)es handle sich doch nicht um die Wahl eines Abtes oder Bischofs, dies und andres mehr riefen sie aus.²) Sie setzten ihren Willen durch: der Kaiser mußte sich

¹) Lindner, a. a. O. S. 267. ²) Böhmer-Huber, Die Regesten des Kaiserreichs unter Kaiser Karl IV., Nr. 5384. ³) R. A., I, S. LXXXVII. 4) R. A., I, Nr. 60 68. 5) R. A., I, Nr. 60. ³) R. A., I, Nr. 63[1]. ²)»insurrexerunt maximae turbaciones«. 8) R. A., I. Nr. 64[2].