Aufsatz 
Zur Einführung unserer Schüler in die Kasseler Bildergalerie : 4. Teil.
(Das niederländische Sittenbild.)
Entstehung
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Nun kehren wir zurück zu Saal I, von dem wir aus⸗ gingen, und finden hier neben den zuerſt betrachteten Bildern von Teniers das dritte Bild von Oſtade, aus dem Jahre 1676 ſtammend, dieBauern unter einer Sommer⸗ laube(Nr. 277), auch den beiden vorigen ganz nahe verwandt.

Noch ſehen wir keine Abnahme der künſtleriſchen Kraft des Malers. Im Gegenteil, unter den Bildern der ſieben⸗ ziger Jahre ſind noch einige Meiſterwerke, die ſich an Lebendig⸗ keit und Wahrheit der Charakteriſtik und an Feinheit des Tons, namentlich auch in der Wiedergabe der landſchaft⸗ lichen Stimmung noch durchaus mit den Hauptwerken aus den fünfziger und ſechziger Jahren meſſen können. Und dazu gehört auch dieſes.

Auch hier haben wir wieder unmittelbar den Geſamt⸗ eindruck einer behaglichen, frohen Geſellſchaft in idyllliſcher Umgebung, echtes Bauern⸗ und Landleben. Betrachten wir das einzelne näher.

An einem Tiſche ſitzen zwei Bauern und eine Bäuerin. Dieſe, behaglich zurückgelehnt, nimmt an der heiteren Unter⸗ haltung teil. Der eine der Bauern reicht ſeinen Becher einem dritten, der mit dem Kruge kommt, um ihm einzu⸗ ſchenken, der andere raucht, vor ſich hinblickend, ſein Pfeifchen, ein vierter ſteht hinter dem Tiſche mit heiterem Geſicht, ſeine Arme auf den Tiſch ſtützend, ein fünfter ſteht neben der Bäuerin und redet lebhaft auf ſie ein, ſein Pfeifchen in der Hand. Auf dem Tiſche liegen Karten und ein Tonpfeifchen.

Im Hintergrunde zeigen ſich uns dann noch zwei weitere Gruppen. Links vor der Türe des Hauſes ſteht ein Dudelſackpfeifer. Eine Frau, auf die geſchloſſene Unter⸗ tür geſtützt, den Finger am Munde, hört aufmerkſam zu, ebenſo ein Knabe, der vor ihr ſteht. Rechts hinter der zuerſt beſprochenen Gruppe ſtehen unter einem Heuboden wieder drei Leute. Einer tut eben aus einem Kruge einen kräftigen Zug, die beiden anderen ſehen ihm teilnahmsvoll zu. Rechts davon wandert ein Bauer durch das Gebüſch fort.

Üüber die beiden erſten Gruppen breitet ſich ein ſchönes, großes, mit Reben überſponnenes Dach, und im Hintergrunde nach rechts eröffnet ſich uns der Blick in eine Baum⸗ landſchaft.

Wie bäuerlich primitiv iſt auch hier alles. Man ſehe den Heuboden, die Wäſcheſtücke, die zum Trocknen davor hängen, den Tiſch, die Bank, auf der der Bauer ſitzt, den Topf und das zerbrochene Wagenrad im Vordergrunde rechts, dazu die Kleidung und Kopfbedeckung der Perſonen. Dieſe, größer und ausdrucksvoller als auf den vorigen Bildern, ſtellen ſo recht die einfachen, niederen Bauern dar

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in Haltung und Bewegung. Man beachte auch die häßlichen, ins Komiſche gebildeten Geſichter mit den unförmlichen Rammsnaſen und dem unſchönen Munde: een köſtlicher Humor des Malers.

Und doch dabei nichts Karikiertes. Wie wohltuend wirkt auf uns dieſe ergötzliche Geſellſchaft, die ſich ſo gut⸗ mütig ſpaßend und lachend ihres Feierabends freut, genüg⸗ ſam beim Pfeifchen Tabak und Trunk. Nicht bei der Arbeit ſucht unſer Oſtade ſeine Leute, ſondern wie ſie nach der⸗ ſelben ſich der Ruhe freuen und ſo recht behaglich und vergnügt ſind. Man möchte, ſagt Eiſenmann, ſich gleich ſelber gern unter dieſe harmloſen, fröhlichen Menſchen miſchen.

Dazu kommt dann, den Wert des Bildes weſentlich hebend, der ſchöne Wechſel von Licht und Schatten bei hellerer Beleuchtung als in den beiden zuerſt beſprochenen Bildern von Oſtade, und der Farbenakkord mit dem be⸗ lebenden, aber doch gedämpften Rot im Vordergrunde. Es iſt auch hier ein Ton über das Ganze ausgebreitet, der die einzelnen Farben beherrſcht und zuſammenhält, die Gegenſätze zwiſchen ihnen ausgleicht und verſchmilzt, im Gegenſatz zu der luſtigen kecken Buntheit, die durch unmittelbare Lokalfarben zu wirken liebte und die man als vlämiſch kennzeichnet. Daß ſich aber hier ein Hinneigen zu ſtärkerer Betonung der Lokal⸗ farben zeigt als in den früheren Bildern Oſtades und das Rembrandtſche Helldunkel einem helleren Lichte weicht, das iſt in der ganzen Entwickelung der holländiſchen Malerei begründet, der auch Oſtade folgte.

So haben wir in den drei betrachteten Bildern Ver⸗ treter aus drei Perioden verſchiedener Malweiſe des Künſt⸗ lers; und ſo ſind ſie auch nach dieſer Seite für uns be⸗ ſonders wertvoll.

Auch Oſtade hat ſeine Zeit gehabt, in der er die rohſten Bauernſzenen darſtellte, aber allmählich erhob ſich ſeine Malerei, da er eine ruhige, beſchauliche Natur war, mehr ins Behagliche, Anheimelnde und Gemütvolle, und wir gewinnen ihn lieb in ſeinen liebenswürdigen und originellen Darſtellungen. So iſt denn auch ſein Name im Wandel der Zeiten nie verdunkelt worden wie etwa der des Jan Steen, ſondern ſeine Wertſchätzung iſt immer noch geſtiegen, und wir verehren in ihm den größten Schilderer holländiſchen Volkslebens, der uns in ſeinen Bildern ein gutes Stück Kulturgeſchichte ſeines Vaterlandes liefert.

Wir kommen nun zu dem dritten der drei von Riehl zuſammengeſtellten niederländiſchen Volksmaler, zu Jan Steen, dem anderen großen Humoriſten und zugleich dem Satiriker der holländiſchen Malerei. Er war geboren zu