Aufsatz 
Zur Einführung unserer Schüler in die Kasseler Bildergalerie : 4. Teil.
(Das niederländische Sittenbild.)
Entstehung
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ſtimmend treten daraus die wenigen markierten Farben her⸗ vor, wie lebhaft und belebend wirken Licht und Schatten! Wie leicht und geiſtreich iſt das Machwerk, wie ſchlagend die Charakteriſtik, wie wahr der gleich einer Naturnot⸗ wendigkeit wirkende Ernſt der Situation, verbunden mit dem leichten Humor des Malers! Da iſt nichts Gemachtes, Gequältes und Pointiertes, wie in ſo manchen der modernen ſog. Genrebilder, alles iſt einfach und wahr und doch ſo kunſtvoll und künſtleriſch bedeutend. Mit ſcheinbar ſo kleinen Mitteln iſt eine große künſtleriſche Wirkung erreicht worden. (vgl. Eiſenmann zu Ungers Radierungen S. 15).

Teniers' Kunſt umfaßt noch weitere Gebiete. Er hat auch, beſonders ſpäter, Bilder aus der höheren und feineren Geſellſchaft gemalt. Aber in allen wird beſonders der nationale Zug ſeines Weſens und ſeiner Kunſt ſeine Schöpfungen ſtets jung und lebendig erhalten. Wie er die Menſchen und Sitten ſeiner Zeit geſehen und gemalt hat, ſo werden ſie in der Kulturgeſchichte für alle Zeiten fortleben, und ſo erhebt ſich der beſcheidene Sittenſchilderer zu der Bedeutung eines Geſchichtsmalers ſeines Volkes.

Nun vom Vlamen zum Holländer, von Teniers zu Adriaen van Oſtade, dem größten Bauernmaler der holländiſchen Schule. Beide waren im Dezember des Jahres 1610 geboren, jener zu Antwerpen, dieſer zu Haar⸗ lem, Oſtade ſtarb 1685, Teniers 1690. Sein Vorbild iſt ebenſo wie das Teniers' Adriaen Brouwer gegeſen, deſſen Bauernmalerei Oſtade in Holland zur höchſten künſtleriſchen Ausbildung brachte.

Wir gehen in Kab. 8 und finden hier zwei Sitten⸗ bilder von Oſtade,Fröhliches Landvolk(Nr. 275) undFeierabend auf dem Lande(Nr. 2756). Jenes, auch alsLändliches Konzert bezeichnet, iſt das

ältere und ſtammt wohl aus der Mitte der vierziger Jahre.

Die Urheber des Vergnügens ſind die beiden Spiel⸗ leute rechts vor dem alten Bauernhauſe, der alte Fiedeler und der Junge mit dem Leierkaſten. Ihnen gegenüber ſitzen im Halbkreiſe Bauern und Bäuerinnen in der fröhlichſten Stimmung. Einer umarmt liebevoll ſeine Nachbarin, vor derſelben ſteht einer, der ſie zum Tanze aufzufordern ſcheint. In der Türe des Hauſes ſteht ein Bauer, der jenen johlend einen Krug entgegenſtreckt. Ein Schwein, ein Hund und Hühner helfen die Szenerie beleben. Rechts haben wir nach hinten einen Blick auf eine Dorfſtraße, auf der noch tanzende Paare und ſpielende Kinder ſichtbar ſind. Alles iſt voll dramatiſchen Lebens.

Wie einfach und bäuerlich ſind Haus und Gerät⸗ ſchaften! Das Haus alt, mit Stroh gedeckt. Der eine der Bauern ſitzt auf einem umgeſtülpten Korb, das Pärchen

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auf einer rohen Holzbank. Eine ebenſolche liegt umge⸗ worfen rechts zur Seite. Neben dem alten Hauſe ſteht links ein alter, knorriger, oben abgeſtorbener Eichbaum, rechts ein kleiner Eichſtumpf an der Ecke des Hauſes.

Ein gar einfacher, anſpruchsloſer Vorgang, der kaum des Malens wert erſcheint, und doch, welcher Reiz liegt in dem naiven Behagen dieſer Bauerngeſellſchaft, deren Sinne ſo wenig verwöhnt erſcheinen; wie wird das Bild durch den liebenswürdigen Humor, die drolligen Er⸗ ſcheinungen und unſchönen und doch ſo vergnügten Ge⸗ ſichter mit den Hakennaſen und dem ſpitzen, hervortretenden Kinn gehoben! Und dann erſt der warme, goldige Ton, die Harmonie der Farben, das feine Halbdunkel, das Abendlicht, in das die ganze Landſchaft getaucht iſt. Wie heben ſich Haus und Bäume, in Dämmerlicht gehüllt, ſo ſchön von dem Abendhimmel ab, der links blau, auf der rechten Seite von einer dunklen Wolke überzogen iſt!

In allem erkennen wir den glücklichen Schüler ſeiner Meiſter, Brouwers in der leichten Karikierung, des Frans Hals, der Frohſinn und Heiterkeit in die hol⸗ ländiſche Malerei brachte, und Rembrandts, den er in dem Helldunkel und dem goldigwarmen braunen Tone zum Vorbilde hatte.

Neben dem Genrebild gewinnt hier auch die Land⸗ ſchaft eine größere Bedeutung mit ihrem ſich weit aus⸗ dehnenden Hintergrunde. Immer wärmer wurde um dieſe Zeit das Intereſſe des Künſtlers an den Reizen der hol⸗ ländiſchen Landſchaft, und bald fühlte er die Kraft in ſich, gelegentlich auch mit den Landſchaftsmalern zu wetteifern, an denen ſeine Vaterſtadt beſonders reich war.

Das zweite Bild in demſelben Kabinet, derFeier⸗ abend auf dem Lande, ſtammt aus dem Jahre 1659. Das Motiv iſt ganz ähnlich dem des vorigen. Bauern und Bäuerinnen vergnügen ſich vor einer Hütte unter einer mit Reben bepflanzten Sommerlaube mit Singen, Trinken und Rauchen. In der Mitte vorn ſitzen und ſtehen vier Leute um ein Faß, auf dem ein Kartenſpiel liegt. Eine Frau erhebt mit der Linken ein gefülltes Glas, mit der Rechten hält ſie einen Krug auf dem Schoß. Hinter ihr ſteht ein fiedelnder Geigenſpieler. Im Mittel⸗ grunde rechts, unter der Türe der Hütte, ſehen wir weitere Gruppen von Bauern. Links liegt eine umgeworfene Bank, rechts ſteht eine alte, in ihrer Form beachtenswerte Waſſer⸗ pumpe mit einem breiten Eimer davor. Wie auf dem erſten Bilde rechts ſo eröffnet ſich hier links ein Blick nach hinten in die Landſchaft. Der Geſamtton iſt hier kühler als auf jenem; Rembrandts Einfluß ſchwindet, aber wir

heben hervor den Farbenakkord des blau, violett und grün. 2