Aufsatz 
Zur Einführung unserer Schüler in die Kasseler Bildergalerie : 4. Teil.
(Das niederländische Sittenbild.)
Entstehung
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ſtimmt ab, und Farbe und Beleuchtung bewirken einen lebhaften, friſchen Eindruck des Ganzen. Man beachte das friſche, rote Geſicht, den rotbraunen Rock, darüber die graue ärmelloſe Jacke, die dunkelblaue, breit mit Pelz verbrämte Mütze, dann das grüne, über die Brüſtung gebreitete Tuch, und wir werden erquickt und erfreut durch die reiche Farbenſtimmung des Meiſters, die hier viel lebhafter iſt als bei ſeinen andren Bildern unſrer Galerie.

Und auch hier iſt es neben der Farbengebung eine Art humoriſtiſchen Behagens, mit dem das an ſich im wirklichen Leben Widerwärtige denn dieſe Zahn⸗ operation iſt doch an ſich recht wenig appetitlich auf die Leinwand gebannt und damit in ſeiner Artſalon⸗ fähig gemacht wird.

Das beſte und ſchönſte von Teniers Genrebildern in der hieſigen Galerie iſt unſtreitig die Baderſtube (Nr. 147). Dieſe müſſen wir noch etwas eingehender be⸗ trachten.

Links im Vordergrunde, auch am meiſten in Be⸗ leuchtung geſetzt, ſehen wir eine Gruppe von drei Perſonen, die unſer ganzes Intereſſe in Anſpruch nimmt. Ein älterer Bauer ſitzt da und hat den rechten entblößten Fuß auf einen vor ihm ſtehenden Schemel geſetzt. Der davor knieende Bader hat den vorderen Fuß mit der Linken etwas aufwärts gebogen, hat eben mit der Rechten aus einem Fläſchchen eine ätzende Flüſſigkeit auf den Fuß des Bauern gegoſſen vielleicht hat er ihm ein Hühnerauge weg⸗ operiert, und ſieht nun zu ihm empor. Nach hinten zwiſchen beiden ſteht die Frau des Bauern mit einem Korb am linken Arm und ſieht wie der Bauer ſelbſt auf die Wunde am Fuß.

Welch reiches pſychologiſches Leben ſpielt ſich ſchon in dieſer kleinen Szene ab! Das Geſicht des Bauern ſchmerzlich verzogen, der Mund etwas geöffnet, man ſieht, wie er krampfhaft an ſich hält. Sein Weib beobachtet den Vorgang teils mit Teilnahme teils mit einigem Mißtrauen, aber in weſentlich ruhigerer Haltung. Und der Bader ſieht auch teilnahms⸗ und erwartungsvoll zu dem Bauer empor: er kann ihm den Schmerz nicht erſparen, hoffent⸗ lich wird jener ihn männlich ertragen, die günſtige Wirkung iſt ihm gewiß.

So klein die Figuren auch ſind, in Haltung, Be⸗ wegung und Geberden ſind ſie wahre Meiſterwerke, das reine, wahre, natürliche Leben, nichts gemacht und nichts gekünſtelt.

Doch mit in dieſe Szene einzuſchließen iſt noch eine andere Perſönlichkeit, die nach rechts an einem runden Tiſche ſteht: ein Junge, der über einem irdenen Kohlen⸗

becken auf dem Tiſch ein Pflaſter wärmt. Eine etwas langweilige Beſchäftigung, die ſo lange fortgeſetzt werden muß, bis derChirurgus mit ſeiner Operation fertig iſt. Darum blickt er von dem Pflaſter weg etwas mißmutig aus dem Bilde heraus. Nach Vollendung der Operation wird dann das Pflaſter auf die Wunde gelegt, und es wird ſeine lindernde⸗und heilende Wirkung nicht verfehlen.

Dann rechts im Hintergrunde, in einem erhöhten Nebenraume(wie wir ihn ähnlich in den beiden erſten Bildern ſahen), mehr in Dunkel gehüllt, iſt ein anderes, friedlicheres Bild. Da ſitzt ein Mann mit einem weißen Tuch unter dem Kinn, und ein neben ihm ſtehender Barbiergehülfe ſeift ihn gerade ein. Zwei andere ſitzen zur Seite und warten, um ſich dann auch raſieren zu laſſen. Ein dritter ſteht links hinten, gegen die Wand gelehnt.

Welch mannigfaltiges Leben in den Räumen dieſes Chirurgus, und doch alles zuſammengehörig in einen Rahmen. Und wie reich ſind dieſe Räume ausgeſtattet mit allen möglichen Handwerksinſtrumenten, Apothekertöpfen, Barbierbecken, Kolben, Büchſen, Fläſchchen u. ſ. w. An dem einen Balken hängt ein großer Beutel. Vermutlich ſind getrocknete heilſame Kräuter darin. In der Mitte hängt wie oft in den einfachen niederländiſchen Häuſern von der Decke herab ein getrockneter Fiſch, und links oben ſitzt auf einem an einen Wandbalken genagelten Holze, ſo wie auf dem Bilde der kartenſpielenden Bauern, eine Eule, hier vielleicht zugleich ein Symbol der ärztlichen Weisheit.

Wie primitiv ſind dabei die Räume und ihre Aus⸗ ſtattung, in welch genialer Unordnung ſteht alles durch⸗ einander! Links der Bretterverſchlag, davor die rohe Bank mit dem Krug darauf und dem Topf darunter, der Strohſeſſel, auf dem der Bauer ſitzt, mit ſeinem Schlapp⸗ hut daran und daneben ſein alter Schuh. Rechts in der Ecke das hochgeſtülpte Faß mit dem Handtuch und dem glänzenden, meſſingenen Barbierbecken darauf. Daneben der große gedeckelte Topf und die beiden Scheite Holz, an den Holzblock gelehnt. Und inmitten von alledem der Künſtler und Charlatan in ſeinem langen, welligen Haar, der rötlichen Mütze, dem gelben Rock, der blauen, ärmel⸗ loſen Oberjacke, und ſeine beiden Gehülfen in demſelben Haarſchmuck wie er. Wahrlich ein Kulturbild des Landes und der Zeit, wie es reicher und treffender und lebens⸗ voller nicht gedacht werden kann.

Und all das Triviale, ja Abſtoßende des Gegen⸗ ſtandes, wie iſt es doch in die Sphäre der höheren Kunſt erhoben! Wie fein iſt der bräunlich warme Ton, der das Ganze zuſammenhält, wie ſchön und harmoniſch zuſammen⸗