Aufsatz 
Zur Einführung unserer Schüler in die Kasseler Bildergalerie : 4. Teil.
(Das niederländische Sittenbild.)
Entstehung
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oder tanzen nach den Tönen eines Dudelſacks oder einer Sackpfeife, des ländlichen Hauptinſtruments der Nieder⸗ länder. Mit freudiger Teilnahme ſchauen mehrere Geſichter aus dem Fenſter der Kneipe dem Treiben zu. So weit geht es noch im ganzen anſtändig her. Aber mehr nach rechts im Mittelgrunde ſind ſchon zwei Betrunkene. Der eine lehnt ſich auf ein Faß und ſieht lächelnd nach dem andern, der neben ihm an einen Pfoſten gelehnt ſteht und ſeine Güter übergibt, über die ſich Schweine hermachen. Auf dem rechts vorüberführenden Wege ſind mehrere angetrunkene oder ſchwer betrunkene Bauern in verſchiedenartiger Wirkung des Alkohols, die von ihren Frauen zurückgehalten oder nach Hauſe geführt werden. Im Hintergrunde iſt eine hügelige Landſchaft in herbſtlicher Abendſtimmung und darauf, im Gegenſatz zu dem Treiben jener, ein Schäfer mit ſeiner friedlichen Herde.

Während die beiden zuerſt beſchriebenen Bilder in das Innere einer Kneipe führen, ſind wir hier ins Freie verſetzt. Während dort noch alles ſich ziemlich friedlich und anſtändig abſpielt, haben wir hier auf der Bauern⸗ kirmeß ein tolles Treiben, das ans Häßliche und Unan⸗ ſtändige ſtreift. Während jene Bildchen klein und beſcheiden im Umfang ſich als Kabinetbildchen darſtellen(0,30 h. und 0,52 br.), haben wir hier ein großes Bild vor uns(1,65 h. und 2,41 br.) zugleich mit weſentlich größeren Figuren. Und es iſt das nicht zu ſeinem Vorteil. Solche Sitten⸗ bilder machen ſich, wie ſchon geſagt, beſſer im Kleinen, ſie ſollen nicht breit und dadurch aufdringlich werden. Daß der braune Geſamtton, der über das Ganze gebreitet iſt und der uns bei den kleinen Bildern, die daneben hängen, ſo anmutet, hier etwas Eintöniges erhält, iſt wohl auf Rechnung des ſpäter darüber gezogenen Firniſſes zu ſetzten. Entſchieden hervorgehoben zu werden verdient die Stimmung der ſchönen Abendlandſchaft. Es ſtammt dieſes Bild wahrſcheinlich aus des Malers ſpäterer Zeit.

Als Sittenbild iſt es höchſt beachtenswert, denn es zeigt uns das niederländiſche Bauernvolk in ungeſchminkter, erſchreckender Natürlichkeit. Sind doch die Folgen zügelloſer Trunkſucht der eiſerne Beſtand auf den Kirmeßdarſtellungen vlämiſcher Maler.

Doch iſt Teniers ſeiner ganzen Natur nach Kleinmeiſter und ein ſehr vortrefflicher Maler in kleinen Figuren und Landſchaften. Darſtellungen von größerem Umfang gegen⸗ über verſagt ſeine Begabung, wie wir dies ſchon an der eben beſchriebenen und an andern Kirmeſſen von ihm ſehen, die übrigens doch noch ihre Vorzüge haben. Anderen großen Bildern, zu denen ihn u. a. alsoffiziellen Hof⸗ maler des Statthalters Gelegenheit und Ehrgeiz trieben,

fehlt der höhere Kunſtwert, wir erhalten keinen packenden Ge⸗ ſamteindruck, und ſie werden leicht langweilig. Dahin gehören der Einzug der Erzherzogin Iſabella, der Gemahlin des Erzherzogs und Statthalters der ſpaniſchen Niederlande Leopold Wilhelm von Öſterreich, in Brüſſel (Nr. 145) und der Einzug derſelben bei Monden⸗ licht und Fackelſchein in Vilvoorde, in deſſen Nähe Teniers' Landgut lag(Nr. 146). Auf ihnen ſind 300 bis 400 Figuren bis ins einzelne mit großem Fleiß ausge⸗ arbeitet; und hervorheben wollen wir beſonders die lebens⸗ volle Ausprägung der einzelnen Geſtalten auf dem erſtge⸗ nannten dieſer beiden Bilder.

Viel packender als in den großen Schauſtücken ſeiner Kunſt tritt ſeine Kunſtfertigkeit und Zauberkraft in den kleinen Bildern hervor, wo er ein zelne Perſonen bei irgend einer draſtiſchen Handlung ertappt. Ein im Sonnen⸗ ſchein rauchendes Bäuerlein, eine Anzahl Kegelſpieler, ein Scherenſchleifer, ein Zahnbrecher, ein Hühneraugenſchneider, das ſind ſeine großen Helden, an denen ſeine Kunſt unſterb⸗ lich geworden(Schütte).

Ein Zahnbrecher und ein Hühneraugenſchneider, das ſind die beiden Bildchen, die wir noch zu betrachten haben.

Zunächſt der Zahnbrecher(Nr. 144). Im Vor⸗ dergrunde des Zimmers hinter einer Steinbrüſtung ſteht der Zahnkünſtler, in der Rechten mit triumphierendem Lächeln das Inſtrument mit dem ausgeriſſenen Zahn hoch⸗ haltend. Rechts hinter ihm ſteht vorgebeugt ein junger Mann, der ſich mit verzweifelter Miene die linke Backe hält. Rechts vorn auf einer Erhöhung liegt ein Totenkopf, und auf der Brüſtung ſehen wir allerlei Töpfe und Fläſch⸗ chen mit Medikamenten, zahnärztliche Inſtrumente, zwei Mohnköpfe u. ſ. w. Im Hintergrund auf einem Brett an der Wand ſtehen auch noch allerlei Büchſen und Flaſchen.

Es war das die glückliche Zeit, in der das ärztliche Gewerbe noch in voller Freiheit betrieben werden durfte, wo jeder Quackſalber und Charletan ohne eigene Gefahr am Leibe des lieben Nächſten nach Herzensluſt herumkurieren konnte und dafür ſeinen Lohn einheimſte.

Von all ſeinen Büchſen und Inſtrumenten umgeben, macht unſer Held einen gar wiſſenſchaftlichen Eindruck, und nach ſeiner eleganten, faſt ſtutzerhaften Kleidung zu ſchließen, ſcheint ihm ſeine Kunſt ſchon etwas eingebracht zu haben. Und von welchem Werte iſt dieſe Kleidung für das Kolorit des Ganzen!

Von dem dunkeln, braunen Hintergrunde und dem im Halbdunkel ſtehenden Patienten hebt ſich der Zahn⸗ brecher im Vordergrunde mit ſeinen Gerätſchaften ſehr be⸗