Aufsatz 
Zur Einführung unserer Schüler in die Kasseler Bildergalerie : 4. Teil.
(Das niederländische Sittenbild.)
Entstehung
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gemacht. Es reizen ſolche Geräte durch ihre maleriſche Durch⸗ führung, Farbengebung und Beleuchtung beſonders den koloriſtiſchen Sinn des Beſchauers wie ſchon hier ſo noch mehr auf einigen Bildern, die wir nachher noch betrachten.

Die Perſonen ſind alle möglichſt naturaliſtiſch derb in Gebärden, Stellung, Haltung und Kleidung. Man be⸗ achte die mannigfaltigen Kopfbedeckungen, beſonders die des Wirtes und den am Boden liegenden Hut des einen Spielers, dann die vorn offene Hoſe des letzteren, die Haltung dieſes und die des Burſchen, der ſich am Feuer wärmt, die verkniffenen und bis zur Karikatur unſchönen Geſichter, beſonders des Wirtes und des Zuſchauers mit dem Trink⸗ krug in der Hand.

Gehen wir zu den Farben und der Beleuchtung des Bildes über. Der glückliche Spieler trägt eine rote Mütze, blaue Jacke und rötlichbraune Hoſen, ſein Wider⸗ part hat eine violette Jacke und dunkelblaue Hoſen. Der ganze Raum iſt in Halbdunkel gehüllt und ſpärlich erleuchtet von dem Kamin her, dann von oben links durch ein kleines Fenſter und ein weiteres vorn von links her kommendes Licht, das die Geſichter der Spieler und des Zuſchauers mit dem Trinkkrug in eine helle Beleuchtung ſetzt. Ein bräunlicher Geſamtton deckt das Ganze.

Das Bild gehört einer Jugendperiode des Malers an nach der Jahreszahl war er 23 oder 25 Jahre alt und ſtammt aus ſeiner Brouwerſchen Zeit d. h. der Zeit, in der er noch ganz in der Art und dem Geiſte Brouwers, ihn durchaus nachahmend, malte. Brouwer ſelbſt iſt das Bild früher zugeſchrieben worden.

Was feſſelt uns denn nun an dem Gemälde, das uns doch nur ganz gemeines niederes Volksleben vorführt?

Zunächſt iſt es kulturgeſchichtlich wertvoll, in⸗ dem wir daraus das niedere vlämiſche Volk des 17. Jahr⸗ hunderts in ſeinem Leben, ſeinen Beluſtigungen und Genüſſen, die Räume, in denen es ſich bewegte, und ſeine Gerät⸗ ſchaften kennen lernen. Es iſt die ungeſchminkte Natur⸗ wahrheit, die uns im Bilde entgegentritt.

Sodann mutet es uns an durch die Heiterkeit, die Luſtigkeit des Volkes bei geringen Bedürfniſſen, die ſich auch durch die Fremdherrſchaft gar nicht ſtören ließ, durch die Behaglichkeit, die über das Ganze ausgebreitet iſt, wie dieſe Leuteausgeſtoßen jeden Zeugen menſchlicher Be⸗ dürftigkeit, und ſo mutet die Szene den überſättigten und unzufriedenen Kulturmenſchen faſt an wie ein Idyll. Mit Recht ſagt Riehl a. a. O. S. 5 f.:Wie in der Dichtkunſt die Sehnſucht nach der Natur erſt dann bei allen Sängern widerklingt, wenn die Menſchen ſich der Natur entfremdet

haben, ſo kann auch die künſtleriſche Selbſtſchau des Volkes,

der poetiſche Genuß an dem rohen Volksleben erſt da ein⸗ treten, wo der ſoziale Stand der Unſchuld bereits gebrochen iſt, wo die Entfremdung einer verfeinerten Welt von volks⸗ tümlicher Sitte und Art bereits ſoziale Nervenleiden, Blut⸗ armut und Muskelſchwäche erzeugt hat, gegen die man in dem Schlammbad einer naturwüchſigen Roheit und Flegelei Hilfe ſucht.

Dem ganzen Bild gibt ſodann einen beſonderen Reiz das Halbdunkel, die Art der Beleuchtung, in der die Geſichter der Hauptperſonen ſo beſonders wirkungsvoll hervortreten, und ſodann die Farbe: der braune Geſamtton und die harmoniſche Zuſammenſtimmung der Farben in den Bekleidungen und Geräten, die auch wieder aus dem Halb⸗ dunkel anſprechend hervortreten. Werden ſo doch auch die niedrigſten Schauſpiele menſchlichen Lebens geadelt durch den koloriſtiſchen Reiz, den der Maler ihnen zu geben weiß.

Und was das Bild noch ganz beſonders anmutend geſtaltet, das iſt der Humor, der auch Niedrigkeit und Gemeinheit mit einem leichten poetiſchen Schimmer verklärt und ſie dadurch für die Kunſt möglich und erträglich macht. Jede der Perſonen zeigt in leichter Karikierung in Geſichts⸗ zügen und Geſichtsausdruck, in Haltung und Bewegung und in charakteriſtiſcher Ausprägung des den einzelnen be⸗ ſonders Eigentümlichen etwas Komiſches, ſo daß für uns aus dem gewöhnlichen Vorgang ein unterhaltendes und luſtiges Bild geworden iſt.

Das Gegenſtück zu dieſem Bilde iſt das ihm gegen⸗ über hängende: Zechende und ſchreiende Bauern in einer Kneipe(Nr. 140) mit zwei Perſonen weniger, in der Färbung dunkeler. Links vorn ſitzen zwei Bauern bei einem umgeſtülpten halben Faß, über das ein Brett gelegt iſt. Auf dieſem ſteht ein Krug, neben dem ein Stückchen Kreide liegt. Der eine mit höchſt unſchönem, verkniffenem Geſicht ſingt von einem Blatt ab, das er in der Hand hält, der zweite brüllt mit, in der erhobenen Rechten einen Krug aus Birkenholz ſchwingend. Hinter dieſen ſteht ein dritter in roter Mütze, der lachend zuhört. Ein vierter wendet ſich gegen die Wand. Hat er zuviel getrunken? Rechts im Hintergrunde in einem erhöhten Raume(ganz wie bei dem vorhergehenden Bilde) ſitzt einer abgewandt am Kaminfeuer, in das er hineinſtarrt. Ein ſechster ſteht hinter ihm und zündet ſein Pfeiſchen an. Im Vordergrunde rechts ſteht ein glänzender Meſſingkeſſel neben einer Bank, auf der ein Steinkrug ſteht und ein weißes Tuch liegt. Ganz an der Seite auf einem erhöhten Geſtell ein großer eiſerner Topf. Am Boden auch hier noch ein zinnener Nachttopf, Holzſcheit, umhergeſtreute Muſcheln und links auch hier wieder ein Tonpfeiſchen.