Aufsatz 
Zur Einführung unserer Schüler in die Kasseler Bildergalerie : 4. Teil.
(Das niederländische Sittenbild.)
Entstehung
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Pinſel fort; Teniers, Oſtade, Jan Steen boten dem verſchnörkelten Weſen der vornehmen Welt Trumpf, indem ſie in unvergleichlicher Naivität Studien zur Natur⸗ geſchichte des Volkes malten. Entfaltete ſich doch, ſeit⸗ dem mit dem Jahre 1609, dem Abſchluß des zwölfjährigen Waffenſtillſtandes, tatſächlich die Anerkennung der ſieben ver⸗ einigten nördlichen Provinzen als eines ſelbſtändigen Staates erfolgte, gerade die Malerei in der manuigfaltigſten Nach⸗ bildung des rührigen und volkstümlichen Lebens, und ſomit gelangte auch das Sittenbild in den verſchiedenen Zweigen zu hoher Blüte.

Der freie Norden aber blieb nicht ohne Nachhall und Einwirkung auf den noch unter der ſpaniſchen Herrſchaft gehaltenen Süden. Trotz der politiſchen Trennung der nördlichen und ſüdlichen Niederlande blieb die Genremalerei wie auch die Landſchaftsmalerei der beiden Landesteile in engem Zuſammenhang, während ſich die religiöſe Malerei großen Stils unter dem Einfluß der verſchiedenen Be⸗ kenntniſſe entgegengeſetzten Zielen zuwandte. Von Haarlem aus wurden auch neue Keime in die Entwickelung der Antwerpener Schule getragen, und ſo hielt wenigſtens das gemeinſame nationale Band eines wichtigen Teiles der Kunſt die auseinandergeriſſenen Bruderſtämme noch einigermaßen zuſammen.

Gleich im erſten Saale haben wir einige Sitten⸗ bildchen aus dem niedrigſten Volksleben von dem Vlam⸗ länder David Teniers d. J., die ſo recht als Vertreter eines Teils dieſer Gattung gelten können:Kartenſpielende Bauern(Nr. 139) undZechende und ſchreiende Bauern (Nr. 140).

David Teniers d. J. war 1610 in Antwerpen geboren und ſtarb 1690 im Alter von faſt 80 Jahren in Brüſſel. Dieſer gilt als Muſter des vlämiſchen Sittenbildes. Er lernte bei ſeinem Vater und bildete ſich dann beſonders nach Adriaen Brouwer( 1638), dem genialen Dar⸗ ſteller des Bauern⸗ und Kneiplebens. Von ihm hat unſere Galerie auch ein ſolches Bild, eine luſtige Geſellſchaft in der Kneipe(Kab. 14 Nr. 137). Die Kneipen und Rü⸗ peleien hat Teniers aus eigener Anſchauung ebenſo wie Brouwer gründlich kennen gelernt, ſie bilden den Haupt⸗ gegenſtand ſeines Kunſtſtudiums, er ſchildert ſie mit der größten Naturwahrheit und einem köſtlichen Humor, und auf dieſen Bildern beruht ſein Ruhm.

Bei dem erſten Bilde, den kartenſpielenden Bauern, feſſeln uns zunächſt die beiden Spieler. Der eine ſitzt rittlings auf einer Bank, der andere auf einem Holzklotz. Jener ſtreckt ſeinem Gegenſpieler, mit triumphieren⸗ dem Lachen zum Beſchauer gewendet, zwei und einige

Zehner entgegen. Dieſer ſieht verdutzt und beſorgt auf die hingehaltenen Karten, während er die ſeinigen verdeckt in die Höhe hält, darauf bedacht, vielleicht doch noch einen Vorteil zu gewinnen.

Zwiſchen und hinter dieſen ſind noch drei Zuſchauer, von denen zwei ſitzen, einer ſteht. Sie nehmen lebhaften Anteil; zwei ſehen lachend auf die Karten, der dritte, der einen Tonkrug zum Trunke emporhebt, hält inne und blickt, gleichfalls lachend und an der Freude des glücklichen Spielers teilnehmend, dieſem ins Geſicht.

Auf der anderen Seite ſteigt eben der Wirt aus dem Keller. In der Rechten hat er einen großen Bierkrug, mit der Linken hält er der oben beſchriebenen Gruppe einen prächtigen Käſe entgegen mit freudigem Lächeln über den herrlichen Genuß, den er ihnen jetzt bieten wird.

In dem erhöhten Raum dahinter in der Mitte des Bildes, in den man hineinblickt, ſind zwei Burſche am Kaminfeuer, der eine ſtehend uns zugewandt mit den Händen auf dem Rücken, den er ſich an dem Feuer wärmt; der andere ſitzt mit dem Rücken nach uns zu und ſtarrt ins Feuer.

Auf den meiſten Bildern von Teniers, die uns ins Innere eines Hauſes verſetzen, iſt der Schauplatz in zwei Räume geteilt, einen größeren Hauptraum und einen kleinern im Hintergrunde. Dieſe Bauart iſt typiſch für das nieder⸗ ländiſche Haus.

Nun betrachten wir uns die Ausſtattung des an ſich kahlen und ſchmutzigen Raumes. Alles iſt völlig roh und ohne jedes Streben nach Ordnung und Schönheit: die rohe, ſchief aufliegende Kellertür mit ihrer Umkleidung, die Bank und der Holzklotz, auf dem die Spieler ſitzen. Neben der Kelleröffnung ſtehen Scheite Holz, ein Beſen, daneben ein zinnerner Nachttopf(ſehr bezeichnend für dieſer Art Bilder und Räume). Über der Kellertür ſtehen auf der Umrahmung zwei irdene Schüſſeln, und darüber ſitzt auf einem aus der Wand hervorragenden Stück Holz, an einem Kettchen angebunden, eine Eule, eine häufigeDeko⸗ ration niederer Stuben. Über dem Kamine iſt ein weißes Blatt befeſtigt, auf dem ſich das karikierte Bruſtbild eines Burſchen befindet. Auf dieſem ſteht auch die kleine, kaum er⸗ kennbare Jahreszahl 1635(oder 33). Daneben links an der Türe hängt eine Mütze. Neben der Bank des Spielers ſteht ein großer Krug, und in der Form entſpricht ihm ganz der kleine Tonkrug, aus dem der eine Zuſchauer trinkt. Neben jenem Krug, ganz links in der Ecke, liegt auf der Erde noch ein Tonpfeiſchen.

Alle Gegenſtände ſind mit großer Sorgfalt aus⸗ geführt und meiſterhaft wiedergegeben, und ſo iſt der an ſich häßliche Raum doch ſchon dadurch für uns intereſſant