Zur Einführung unſerer öchüler in die Kaſſeler Bildergalerie, IV.
(Das niederländiſche Sittenbild.)
Die Genremalerei oder das Sittenbild iſt das Gebiet der Malerei, das bei beſonderer Bevorzugung von Begebenheiten des täglichen Lebens die Menſchen als Muſterbilder einer beſtimmten Gattung oder Lebensbe⸗ ſchäftigung zur Darſtellung bringt. Es ſteht im Gegenſatz zur Hiſtorienmalerei, die beſtimmte Perſonen der Geſchichte oder auch der Religion, Sage und Mythologie in einem bedeutungsvollen Zeitmoment vorführt.
Wenn es auch für den Unterſchied von Sitten⸗ und Hiſtorienbild jetzt nicht mehr als Regel gilt, daß jenes in kleinerem Format ausgeführt werden ſoll als dieſes, ſo iſt doch ein ſolcher Unterſchied in den Stoffen wohl be⸗ gründet. Gewaltige Ereigniſſe, ideale Darſtellungen führen von ſelbſt zu einem größeren Maßſtab der Figuren, während ſich mit dem kleinen Maßſtab eine intimere Auffaſſung des Lebens in ſeinen mannigfaltigen Beziehungen verbindet, und kleinere Genrebilder muten uns um ſo mehr an, je mehr ſie dem alltäglichen und gewöhnlichen Leben ent⸗ nommen ſind. Zudem waren und ſind hiſtoriſche Bilder hauptſächlich für Kirchen, Rathäuſer, Schlöſſer und Muſeen mit ihren großen Räumen beſtimmt, die Sittenbilder da⸗ gegen zum Schmuck der weſentlich kleineren Zimmer des Privatmanns.
Zu einer ſelbſtändigen Ausbildung gelangte das Sittenbild erſt in der Neuzeit, vor allem in den Nieder⸗ landen. Im 16. Jahrhundert war es beſonders Pieter Brueghel der ältere, der die niederländiſche Bauern⸗ welt trefflich ſchilderte, daher auch der„Bauernbrueghel“ genannt, bis die Genremalerei im 17. Jahrhundert in Holland ihren Höhepunkt erreichte.
Die Maler nahmen ihre Stoffe aus allen Lebens⸗ gebieten, aus dem Leben der Bauern, Soldaten, Bürger und der vornehmen Ariſtokratie.
Dieſe Gemälde liefern uns beredte Sitten⸗ und Kul⸗ turbilder jener Zeit und ſind ſo von großem kulturgeſchicht⸗ lichem Wert. Sie lehren uns zugleich erkennen, daß auch das
alltägliche Leben uns einen reichen Stoff zu ſchönen und unterhaltenden Bildern liefert, lehren uns unſer eigenes Leben und unſere Umgebung daraufhin beobachten und fördern ſo in reichem Maße den maleriſchen Sinn.
Ich ſtelle im folgenden einige der ſchönſten, wichtigſten und beſonders charakteriſtiſchen Bilder dieſer Gattung aus der vlämiſchen und holländiſchen Schule, die ſich in unſerer Galerie befinden, zuſammen, ohne dabei eine erſchöpfende Darſtellung oder gar Geſchichte der Entwickelung der Gattung irgendwie zu beabſichtigen.
Bei der Betrachtung der Bilder zur Belehrung der Schüler werden dieſe, wie ich es ſchon in meiner Abhandlung zum Jahresbericht des Gymnaſiums 1899 über Rembrandt S. 4 hervorgehoben habe, anzuleiten ſein, auf Fragen des Lehrers das Wichtige und Weſentliche in ſtofflicher und künſtleriſcher Hinſicht ſelbſt zu finden. Hier gebe ich in einfacher Darbietung das für den Lehrer not⸗ wendige oder brauchbare Material. Zugleich hoffe ich damit manchem anderen hier in Kaſſel einen Beitrag zu gründ⸗ licherer Kenntnis und tieferem Verſtändnis dieſes ſo wichtigen und wertvollen Teiles unſerer Gemäldegalerie und der Vertreter dieſer Gattung zu geben. Das iſt der Zweck der Abhandlung.
Riehl ſagt in ſeinem trefflichen Buche„Land und Leute“(Stuttgart 1861) S. 7:„In der Kunſttätigkeit des 17. und 18. Jahrhunderts tritt das Volk als Kunſt⸗ objekt in den Hintergrund. Die Zopfzeit hatte keine ſoziale Politik. Wo es nur Untertanen, keine Bürger gibt, da wird freilich das Studium des Volkes überflüſſig. Während ſelbſt der typiſche Chor der Volksgruppen von den Hiſtorienbildern verſchwindet, ſind es nur noch die republikaniſchen Holländer(und, füge ich hinzu, die ihnen zum Teil noch nahe ſtehenden ſpaniſchen Nieder⸗ länder), welche Art und Sitte des gemeinen Volkes be⸗ haglich vor unſere Sinne bringen. Sie führen die er⸗ loſchene grobianiſche Litteratur der früheren Zeit mit dem
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