Aufsatz 
Warum ist Schiller populärer als Goethe? / von Julius Heuser
Entstehung
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Von meines Hauſes Schickſal abgeſchieden, Dereinſt mit reiner Hand und reinem Herzen Die ſchwerbefleckte Wohnung zu entſühnen! Kaum wird in meinen Armen mir ein Bruder Vom grimm'gen Übel wundervoll und ſchnell Geheilt, kaum naht ein lang erflehtes Schiff, Mich in den Port der Vaterwelt zu leiten, So legt die taube Not ein doppelt Laſter

Mit eh'rner Hand mir auf; das heilige,

Mir anvertraute, vielverehrte Bild

Zu rauben und den Mann zu hintergehn, Dem ich mein Leben und mein Schickſal danke. O, daß in meinem Buſen nicht zuletzt

Ein Widerwille keime, der Titanen,

Der alten Götter, tiefer Haß auf euch, Olympier, nicht auch die zarte Bruſt

Mit Geierklauen faſſe! Rettet mich,

Und rettet euer Bild in meiner Seele!

Welche Seelenangſt offenbart ſich in den letzten Worten? Der Kampf um die höchſten ſittlichen Güter entſpinnt ſich hier nicht nach außen hin, ſondern Iphigenie kämpft ihn allein, in ihrem Innern durch und in dieſem Kampfe erhebt ſie ſich zu einer ſolchen ſittlichen Höhe des Handelns und Leidens, daß wir atemlos dieſem Kampfe folgen und mit zitternder Spannung der Löſung der Kriſis entgegen⸗ ſehen. Dieſen Kampf in ſeiner vollen Geltung anf der Bühne zum Ausdruck zu bringen, iſt keinem Menſchen gegeben und er iſt auch nicht darauf berechnet, vor einem großen Publikum zur Geltung gebracht zu werden nur in Selbſtzurückgezogenheit nin man ihn mit durchzukämpfen verſuchen, um zu wahrer Läuterung an ihm ſich zu erheben.

Anders beim Wallenſtein. Hier haben wir einen großen, welthiſtoriſchen, vaterländiſchen Hinter⸗ grund, der an ſich ſchon allgemeines Intereſſe erregt, durch und durch volkstümliche, in einem herrlich humoriſtiſchen Grundtone gehaltene Schilderungen aus dem Kriegslager einer lebeusfriſchen ſorgloſen Soldateska und dazu im Mittelpunkte einen gewaltigen, allgemein bekannten Helden, der in der ſelbſtbe⸗ wußten Macht ſeines genialen Willens ſich auflehnt gegen das Recht, in dem Kampfe gegen dasſelbe untergeht und durch dieſe Sühne die verletzte ſittliche Weltordnung wiederherſtellt. Auch in der äußern Darſtellung iſt alles Leben und Handlung bunteo, wechſelnde, glanz⸗ und farbenprächtige Bilder, die den Leſer und Zuſchauer in Spannung von einer Stufe der Entwicklung zur andern hinüber führen und ſein Intereſſe ſtändig wachhalten. Wir erkennen aus dieſen in Umriſſen dargelegten Zügen der als Beiſpiele hervorgezogenen beiden Dramen wiederum den Grundcharakter, dort des Goetheſchen hier des Schillerſchen Dichtkunſtſtils, welcher Unterſchied in allen Dichtungen der beiden Heroen durchgreifend wiederkehrt. Wir können aus ihnen wiederum ſpeziell die ſchon früher allgemein gefolgerten Schlüſſe ableiten, die in kurzen Worten wiederholt ſich dahin zuſammenfaſſen laſſen:

Wer, erfaßt von der ruhigen abgeklärten Heiterkeit antik⸗klaſſiſcher Kunſtſchöne dieſe in deutſchem Gewande genießen will, wer mit nach Innen gewandtem Blick an der geiſtigen Entwicklung erhabener Menſchennaturen ſein eigenes Innere abzuklären ſtrebt zu jener olympiſchen Ruhe, die Goethe auszeichnete, der wird zu Goethes Dichtungen greifen; wer aber im Stürmen und Drängen der Zeit an lebensvollen künſtleriſchen Geſtaltungen ſich erfreuen und ſeinen eigenen Mut ſtärken und erheben will, wer im Anſchauen des Strebens einer idealen Perſönlichkeit ſeine eigenen Ideale feſtzuhalten und zu be⸗ wahren ſucht, der wird ſich Kraft und Freudigkeit zu neuem Ringen aus Schillers Dichtungen holen können. Die erſteren werden ſtets in der Minderzahl ſein.