Aufsatz 
Warum ist Schiller populärer als Goethe? / von Julius Heuser
Entstehung
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ganzen Ausdehnung in unerſchöpflich wechſelnder Geſtalt in ſeinen Geiſteswerken nieder aus derrauhen Wirklichkeit, die ihm in ſeiner Jugend ſo wenig äußeres Glück beſchieden hatte, erhebt er ſich und uns in dasſchöne Wunderland der Ideale, in deſſen Heiligtume es keine Zweifel und keine Kämpfe, keinen Jammer und keine Thränen gibt. Wie ein von der Wahrheit ſeiner Worte tief innerlich überzeugter Volksprediger wirft er in unmittelbar zum Herzen ſprechendem Ausdruck ſeine von Begeiſterung getragenen perſönlichen Empfindungen mitten hinein in das warm pulſierende Leben des Volkes, jeden, der ſelbſt höherer Empflndung fähig iſt, mit ſich fortreißend im Schwunge ſeines Genius. Daher erklärt ſich jene unmittelbare Berührung, in die Schiller mit unſerem Volke getreten iſt und daher darf er mit größerem Rechte als Goethe ein Volksbildner genannt werden.

Noch ein kurzes Wort ſei erlaubt über die Dramen der beiden Dichter im beſondern. Wir hatten an früherer Stelle geſagt, daß die Dramen Goethes einen vorwiegend pſychologiſchen Charakter tragen, entſprechend der klaſſiſchen griechiſchen Tragödie, deren Hauptkennzeichen eine ſtreng pſychologiſche Charakterentwickelung fern von übermäßigem idealem Gefühlsſchwung iſt. Dem gegenüber müſſen die Schillerſchen Dramen vorwiegend hiſtoriſche genannt werden. Über dieſen Unterſchied mit Bezug auf unſer Thema noch einige Worte.

Je mehr im Drama mit Beſchränkung des Hintergrundes, auf dem ſich die Handlung abſpielt, der Schwerpunkt auf eine lebenswahre, innerlich begründete Entwicklung der Charaktere der auftretenden Perſonen gelegt wird, deſto mehr gehört es in das pſychologiſche Gebiet und jemehr der bedeutſame Boden hervorgehoben wird, auf dem ſich in kräftiger gegenſeitiger äußerer Reibung die Perſonen tummeln, deſto mehr gehört das Drama dem hiſtoriſchen Gebiete an. Dieſer Unterſchied läßt ſich an Beiſpielen am beſten darlegen. Nehmen wir Goethes Iphigenie und Schillers Wallenſtein.

Der Iphigenie fehlt der hiſtoriſche Boden faſt gänzlich; Schauplatz und Zeit ſind die denkbar einfachſten und dem entſprechend iſt auch die äußere Handlung einfach, das Spiel und Gegenſpiel der Per⸗ ſonen wenig belebt. Aber gerade dieſer Mangel an äußerem Leben nötigt den Dichter die Entwicklung des innern Lebens um ſo mehr zu vertiefen, auf ſie den Schwerpunkt zu legen, dermaßen, daß man die Armut der äußern Handlung darüber vergißt. Dieſe Vertiefung des innern Lebens vermißt man haupt⸗ ſächlich an der klaſſiſchen dramatiſchen Literatur der Franzoſen im 17. Jahrhundert die Armut an äußerer Handlung, veranlaßt durch allzubefangene Auffaffung der ariſtoteliſchen 3 Einheiten ſeitens der betreffenden Dichter iſt nicht erſetzt durch Reichtum des innern dramatiſchen Lebens und dieſer Mangel läßt uns jene Stücke vielfach ſo arm und nüchtern in ihrem Geſamteindruck erſcheinen. In⸗ Goethes Iphigenie dagegen fühlen wir die Beſchränkung der äußeren Beweglichkeit nicht, weil die innere Entwick⸗ lung der Heldin um ſo gewaltiger gezeichnet iſt. Schiller ſagte von der Dichtung:Die Empfindung iſt zur Handlung gemacht. Und in der That, in der Schilderung des Zweiſpaltes, in den Iphigenie ge⸗ rät, ob ſie ihren Bruder retten und Thoas betrügen oder ihrem Prieſterinnenberufe treu bleiben und den Bruder opfern ſoll, beſitzen wir ein Seelengemälde der erſchütterndſten Art. Mit ergreifender Tragik ſpricht ſich jener Zwieſpalt in dem Monologe der Iphigenie IV. 5 aus.

Ich muß ihm folgen; denn die Meinigen Seh' ich in dringender Gefahr. Doch ach! Mein eigen Schickſal macht mir bang und bänger. O, ſoll ich nicht die ſtille Hoffnung retten, Die in der Einſamkeit ich ſchön genährt? Soll dieſer Fluch denn ewig walten? Soll Nie dies Geſchlecht mit einem neuen Segen Sich wieder heben? Nimmt doch Alles ab! Das beſte Glück, des Lebens ſchönſte Kraft Ermattet endlich! warum nicht der Fluch? So hofft' ich denn vergebens, hier verwahrt,