Aufsatz 
Warum ist Schiller populärer als Goethe? / von Julius Heuser
Entstehung
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Uniw.-P' ch c4 11119 N. 4 A Giesson

Wiſſenſchaftliche Beilage zum Programm der Realſchule zu Kaſſel(Hedwigſtraße),

Oſtern 1892.

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. I. Warum iſt öchiller populärer als Goethe? Von

Julius Heuſer.

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Es liegt heute noch ein eigener Reiz in der Vergleichung zweier Männer wie Schiller und Goethe, welche, verſchieden in ihren äußeren Lebensverhältniſſen, ihrer geiſtigen Entwicklung und ihrem unmittelbaren Einfluſſe auf die Mit- und Nachwelt und anfänglich einander fremd bis zur Abneigung, doch ſchließlich ſich zu einem engen, durch gleiches, hohes Streben geadelten Freundſchaftsbund zuſammenfanden, derart, daß ſie heute in ihrer aller Außerlichkeiten entkleideten, man könnte ſagen ideell aufgefaßten Erſcheinung im Bewußtſein des Volkes daſtehen als eine einheitliche Perſönlichkeit, als eine Einheit in der Zweiheit, wie ſolche außerdem in der Literatur ja wohl auf dem ganzen Gebiete geiſtiger Erzeugniſſe keines andern Volkes in gleich hervorragender Weiſe vor uns tritt. In unſerem Volke leben die Namen Schiller und Goethe in inniger Vereinigung neben einander, und es entſpringt dieſe Thatſache nicht ſowohl aus dem Bewußtſein, daß die beiden Namen in ihrer Zuſammengehörigkeit unlösbar verknüpft ſind mit der geiſtigen Entwicklung unſeres Volkes, als auch und nicht zum kleinſten Teil aus der allerdings vielfach unbewußten Vorſtellung, daß jeder der beiden Dichter den andern als ein unerſetzbarer Teil ſeines eigenenIch ergänzt, daß jeder der beiden einſamer daſtehen und in dieſer Einſamkeit kleiner erſcheinen würde, wenn ihm der andere fehlte.

Schon äußerlich finden dieſe Betrachtungen ihre Begründung in dem großen fruchtbringenden Ein⸗ fluß, den die beiden Dichter gegenſeitig auf einander ausübten, nachdem ſie ſich gefunden hatten. Wurde Gcooethe durch dieſes Zuſammenwirken mit ſeinem gedankenreichen begeiſternden Freunde aus demBeinhauſe der Wiſſenſchaft zurückgerufen zu neuer, freudiger dichteriſcher Schaffensluſt, ſo empfing auch Schiller unendliche Anregung und Belehrung durch den zu voller Reife erblühten Genius Goethes.

Aber noch ein innerer, weit bedeutenderer Grund ſtützt obige Bemerkungen.

Goethe und Schiller vertreten, wie allbekannt, in der Geſamtheit ihrer Dichtungen zwei ganz ver⸗ ſchiedene im Weſen der Kunſt ſelbſt begründet liegende Seiten der Dichtkunſt Goethe die rea⸗ liſtiſche, Schiller die idealiſtiſche*), oder, nach Schillers Bezeichnung, Goethe die naive und Schiller die ſentimentaliſche. Jeder von ihnen füllt nun ſein Gebiet in ſo vollkommener, erſchöpfender Weiſe aus,

*) Dieſe althergebrachten Bezeichnungen haben bekanntlich auf dem Kunſtgebiet eine ganz andere Bedeutung als in der Philoſophie. 1

1892. Progr. Nr. 402.