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daß ſie in ihrer gegenſeitigen Ergänzung die Repräſentanten des Geſamtgebietes der Dichtkunſt überhaupt vorſtellen; und ſo aufgefaßt bieten beide, Goethe und Schiller, heute weniger das Bild zweier hoch⸗ ſtrebender, in einheitlichem Wirken zuſammengehender Perſönlichkeiten dar, als vielmehr die Verſchmelzung zweier entgegengeſetzter oder wenigſtens ungleichartiger Begriffe zu einem einheitlichen Geſamtbegriff. Man kann ſomit ſagen, daß ſich im Volksbewußtſein der Mythus der beiden Männer bemächtigt hat und daß dieſer ſie, ohne beſchränkende Rückſichtnahme auf die doch in Wahrheit ſcharf und beſonders aus⸗ geprägten Perſönlichkeiten, in unſerem Volke fortleben läßt als eine Perſon, indem er nur den in ihren Werken niedergelegten ideellen Gehalt zum Maßſtabe nimmt. Auch Schiller und Goethe waren zwei Männer, die darum eine Zeitlang Feinde waren, weil die Natur nicht einen Mann aus ihnen formte— aber ſie ſind zu ihrem Vorteil klug geweſen und haben ſich als Freunde verbunden— mit Macht und Glück und Luſt ſind ſie ſeitdem durchs Leben gegangen und Macht und Glück und Ruhm haben ſie auf geiſtigem Gebiet durch ihre vereinte Wirkſamkeit ihrem Volke errungen!(Torqu. Taſſo III, 2.)
Wenn nun wirklich d hü und Goethe dem Volke gleichſam als eine Perſon unſerer Literatur⸗ geſchichte vor Augen ſtehen, ſo erſcheint dieſe Thatſache um ſo befremdlicher, gegenüber der anderen, daß der geiſtige Verbrauch der Schillerſchen Werke ein bedeutend umfangreicherer iſt als der der Goetheſchen.
Lange, beſonders ſeit Goethes eigenem kernigen Ausſpruch(Geſpräche mit Eckermann I, 221) ſteht es ziemlich allgemein feſt,, daß der Streit darüber, ob Schiller oder ob Goethe der größere Dichter ſei, ein müßiger iſt, aber jene Thatſache, daß Schiller in weiteren Schichten unſeres Volkes aus eigener Kenntnis⸗ nahme bekannter iſt als Goethe, iſt unbeſtreitbar— den Beweis hierfür liefert ſchon eine oberflächliche Vergleichung des buchhändleriſchen Abſatzes der beiderſeitigen Werke. Ans dieſer Thatſache einen Schluß zu ziehen auf Schillers Überlegenheit als Dichter würde allerdings gewagt ſein, ſo gewagt als die Be— hauptung, daß die modernen franzöſiſchen Romane die beſten Bücher der Welt ſcien, weil ſie am meiſten von allen Schriften in der Welt geleſen werden. Es erxeiſt dies vielmehr zunächſt weiter nichts, als daß Schiller mehr dem unmittelbaren Geſchmack der großen Maſſe des Volkes zuſagt, daß er verſtanden hat Töne anzuſchlagen, die beim Volke nach ſeiner naturgemäßen Anlage Verſtändnis finden konnten und die deshalb in ſeinem Innern einen lauten Wiederhall wecken mußten.
Welches ſind aber nun die inneren Gründe, die dieſe größere Beliebtheit Schillers beim Volke in ſeiner Allgemeinheit hervorrufen? AÄußere Gründe können es ſelbſtverſtändlich nicht ſein, ſie müſſen in dem inneren Weſen der Dichtungen ſelbſt liegen; wir müſſen ſie aus dem inneren Unterſchiede, der zwiſchen Goetheſchem und Schillerſchem Genius beſteht, hervorholen und wir müſſen zugleich in den tiefſten Schacht unſerer Volksſeele hinabzuſteigen ſuchen, um dort die Saiten zu finden, die durch Schillers Dichtung in höherem Maße zum Schwingen gebracht worden ſind, als durch die Goethes.
Wir haben ſchon in den einleitenden Bemerkungen auf den durchgreifenden Unterſchied hinge⸗ wieſen, welcher zwiſchen der Goetheſchen und Schillerſchen Dichtung beſteht, indem wir, die allgemein an⸗ erkannten und zweifellos auch das Richtige treffenden Bezeichnungen aufnehmend, Goethe einen realiſtiſchen, Schiller einen idealiſtiſchen Dichter nannten.
Schiller ſelbſt hat dieſen Unterſchied trefflich dargelegt und eingehend ausgeführt in der zum Zwecke der Rechtfertigung ſeines eigenen Standpunktes gegenüber dem Goethiſchen verfaßten Abhandlung „Über naive und ſentimentaliſche Dichtung.“
Wir müſſen hier im näheren auf dieſen Unterſchied eingehen. Die naive oder realiſtiſche Dich⸗ tung bezeichnet nach Schiller kurz ein Überwiegen der Anſchauung über die Empfindung, die ſentimenta⸗ liſche oder idealiſtiſche Dichtung ein Überwiegen der Empfindung über die Anſchauung.
Die uns umgebende, äußere, reale Natur vermögen wir durch Anſchauung wahrzunehmen, Ideen vermögen wir zu empfinden,— Gegenſtand der Anſchauung iſt alſo die Natur, Gegenſtand der Empfindungen ſind die Ideen. Ein Kunſtwerk, in welches Gebiet künſtleriſcher Geſtaltung wir auch immer greifen, beſteht nun aus der Verbindung von Anſchauung und Empfindung, oder, mit anderen


