Aufsatz 
Warum ist Schiller populärer als Goethe? / von Julius Heuser
Entstehung
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Worten, aus der Vermiſchung von Sinnlichem und Geiſtigem von Form und Inhalt, und zwar aus einer ſolch' innigen Verbindung dieſer beiden, daß man weder das Sinnliche als ſolches noch das Geiſtige als ſolches trennend ſcheiden kann. Die Venus von Milo, die Laokoongruppe z. B. ſtehen vor uns als durchgeiſtigter Stein oder als verſteinerter Geiſt. Die beiden zu unlösbarer Immanenz verbundenen Faktoren nun ſtehen untereinander nicht immer in gleichem Verhältnis, der eine Faktor kann unter Umſtänden zu der Vereinigung mehr beigetragen zu haben als der andere, und je nach dem Grade des Gehaltes des einen oder des anderen beſtimmt ſich der beſondere Charakter des Kunſtwerkes ein völliges Gleichgewicht von Geiſtigem und Sinnlichem weiſt u. a. die geſamte klaſſiſche helleniſche Kunſt auf einfache, von pomphaftem Beiwerk freie Ideen in plaſtiſchen, einfachen Formen, die das Auge in wohlgefälligem Behagen mit einem Blicke umſpannen kann, wiedergebend, gehört ſie in das Gebiet des Einfachſchönen anders z. B. die gotiſche Architektur. Hier eine Fülle kunſtvoller Formen, unter denen das Auge in bewundernder Haſt umherſchweift eine Fülle von Ideen, die die endliche Form zu durchbrechen ſcheinen und die eine unmittelbare, ruhige und einheitliche Anſchauung und Auffaſſung nicht zulaſſen wir befinden uns auf dem Gebiete des Erhabenſchönen. Man nehme aus dem Bereiche der Plaſtik wieder die Venus von Milo und die Laokoongruppe dort objektive Ruhe, ideale, aber leiden⸗ ſchaftloſe Darſtellung der menſchlichen Geſtalt und daher auch tiefinnerliches, leidenſchaftloſes Genießen des Beſchauers hier ſubjektives Leben und leidenſchaftliches Ringen, eine Fülle von Ideen ſtürmen auf den Beſchauer ein er glaubt ſich ſelbſt verſetzt in den Kampf, er nimmt ſubjektiven Anteil an den Leiden der drei Perſonen vor ihm, er möchte ihnen beiſpringen und helfen, er wird fortgeriſſen durch die Macht der Empfindung.

In der Malerei ſehen wir dieſen Unterſchied ausgeprägt z. B. in Rembrandt und Rubens.

Wer mit kunſtſinnigem Auge einmal einige Rembrandt'ſche(mögen ſie von R. wirklich herrühren oder nicht) Porträts angeſchaut hat, dem ſchwinden dieſe ernſten, oft kalten Geſichter ſo leicht nicht wieder aus ſeinem geiſtigen Auge auch hier iſt es wieder die plaſtiſche Ruhe, die mit unſichtbaren, aber ſtarken Fäden den Beſchauer anzieht, ganz anders Rubens'ſche Gemälde, die mit ihrer Farben⸗ fülle, ihren lebensvollen und lebensfreudigen Geſtalten uns anlocken, nicht zu ſtillem, beſchaulichem Inſich⸗ verſinken, ſondern zu leidenſchaftlichem Genießen, während deſſen ſtürmiſche Gedanken unſer Inneres durchziehen.

Üüberall alſo der Unterſchied zwiſchen einfach Natürlichem und vorwiegend(Geiſtigem) Spekula⸗ tivem, zwiſchen Realismus und Idealismus, zwiſchen Objektivismus und Subjektivismus ruhige, ſich ganz in den natürlichen, aber ſtets idealen Grenzen haltende Anſchauung einerſeits, und ſtürmiſche, unſer Inneres in leidenſchaftlichere Bewegung und Bewunderung verſetzende Ideen andererſeits.

Und nun zunächſt das Ergebnis dieſer Betrachtung für uns. Wir finden es mit Leichtigkeit. Wenn geſagt wird, daß die meiſten Menſchen ſich mehr erfreuen an dem Anblick eines ſchönen, ſinnreich angeordneten Blumenbeetes oder eines geſchmackvoll und kunſtſinnig ausgeſtatteten Salons, als an dem Anblicke einer Waldwieſe oder des weiten ſtillen Meeres, ſo ſollen damit nicht etwa Schillers Dichtungen mit einem Blumenbeete und Goethes Dichtungen mit einer Waldwieſe verglichen werden, ſondern es ſollen nur dieſe Beiſpiele herangezogen werden als draſtiſche Belege für die herrſchende Geſchmacksrichtung, deren im Vorhergeſagten kurz dargelegten Unterſchiede zu gelangen und damit die Grundlage zu gewinnen für die im allgemeinen beſtehende Vorliebe für Schillers Dichtungen. Eine Waldwieſe oder das ruhig daliegende Meer bieten in ihrer äußeren anſpruchloſen Erſcheinung wenig unmittelbare anziehende Reize dar ſie wirken nur auf den, der am Leben und Wirken der Natur innerlich Anteil nimmt, der auch unter naiven Formen den wirkenden Geiſt zu erkennen vermag; umgekehrt wirken ein Blumenbeet oder eine im Kunſtſtil ausgeführte Zimmerausſtattung unmittelbar auf die Sinne und befriedigen dieſe ſchon durch die mannigfaltige Pracht ihrer äußern Erſcheinung. Übertragen wir nunmehr dieſe Dettachtunden auf