Aufsatz 
Warum ist Schiller populärer als Goethe? / von Julius Heuser
Entstehung
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das reine Kunſtgebiet. Die idealiſtiſchen Erzeugniſſe wenn wir dieſen Ausdruck mit Rückſicht auf die Sache in Ausdehnung auf alle Kunſterzeugniſſe gebrauchen dürfen finden in der Baukunſt und in der Bildhauerkunſt ſowohl wie in der Malerei zahlreichere Bewunderer und Liebhaber als die realiſtiſchen Erzeugniſſe, weil ſie wegen ihrer größeren Empfindungsfülle auch eine größere Formenfülle, einen größern Wechſel der Formen zur Schau tragen und deshalb ſchon äußerlich dem Beſchauer mehr An⸗ ziehendes bieten und ſo dem unmittelbaren, nicht tiefer geläuterten Verſtändnis ſich leichter erſchließen. An einem Rubensſchen Gemälde oder an dem Kölner Dome wird jeder Beſchauer etwas finden, was ihm gefällt und was ihn ſofort feſſelt. Mit Bewunderung wird jeder ſein Auge über dieſe kraftvollen, Leben und Bewegung atmenden Geſtalten oder über dieſe Mannigfaltigkeit von vorſpringenden, zurück⸗ weichenden, ruhig beharrenden und doch innerlich ſcheinbar raſtlos durcheinander wogenden Formen ſchweifen laſſen überall wird der bewundernde Blick neues, intereſſantes entdecken, ohne daß der Be⸗ ſchauer genötigt iſt, ſich in die zur Erſcheinung gebrachten Ideen voll zu verſenken. Anders bei einem Rembrandt'ſchen Gemälde z. B. oder bei einem griechiſchen Tempel. Dieſe bieten dem äußeren Blicke zunächſt wenig einfache Ideen einfache Form und doch muß man ſich, um zu vollem Genuß zu gelangen, tief in ſie verſenken, muß ſich langſam zu ihnen heranbilden iſt es doch Thatſache, daß die meiſten Beobachter Rembrandtſcher Gemälde gar nicht ahnen, welch' außerordentliche Kunſt allein in der Herſtellung ſeiner eigentümlich glänzenden ſchwarzſammeten Gewänder niedergelegt iſt, eine Kunſt, die heut zu Tage gänzlich geſchwunden iſt.

Wir werden auf dieſe Betrachtungen noch einmal zurückkommen müſſen in dem Abſchnitte, den wir nunmehr der Dichtkunſt und damit Schiller und Goethe ſpeziell widmen wollen.

Wir müſſen hierbei zunächſt auf den durchgehenden Unterſchied zurückgreifen, der, wie das ge⸗ ſamte Gebiet der Kunſt überhaupt, ſo auch das der Dichtkunſt ſpeziell ſcheidet wollen aber hier von einem etwas andern Ausgangspunkte ausgehen..

Betrachten wir den modernen Dichtkunſtſtil im Vergleich zu dem klaſſiſchen, ſo fällt uns ſofort ein Hauptmoment auf, das den erſteren vom letzterem durchgreifend trennt, nämlich das Moment der größeren Hervorhebung der Perſönlichkeit des Dichters in der modernen Dichtung. Die Phantaſie des klaſſiſchen Dichters iſt nicht von allgemeinen, in innerer künſtleriſcher Verarbeitung individuelle Geſtalt annehmenden Ideen erfüllt, ſondern ſie iſt im allgemeinen beſchränkt auf Ideen, die ſchon von außen her, durch die ihn umgebende Welt eine gewiſſe feſte Geſtalt angenommen haben die ſittliche Welt, in deren Ideenkreiſe er lebt, iſt für ihn eine typiſche, aus der ſich zu entfernen oder die mit individuellen, ſubjektiven Ideen zu erfüllen ihm gänzlich fern liegt, dem entſprechen naturgemäß auch ſeine dichte⸗ riſchen Erzeugniſſe, dergeſtalt, daß wir in ihnen weniger ein freies Werk ſelbſtſchöpferiſcher Individualität haben(Empfindung), als vielmehr eine künſtleriſche, aber objektive Wiedergabe gegebener Verhältniſſe (Anſchauung).

Wir gelangen auf dieſem Wege alſo zu denſelben Reſultaten, zu denſelben Unterſchiedskriterien, zu denen wir in dem früheren Abſchnitte gelangt ſind; wir ſehen aber zugleich, daß der gefundene Unter⸗ ſchied ſich ſchließlich gründet auf einen Unterſchied der Zeit, denn alle Kunſtäußerung, beſonders auf literariſchem Gebiete iſt im großen und ganzen eine Wiederſpiegelung des Zeitgeiſtes; wir ſehen, daß alſo mit den Bezeichnungenrealiſtiſche und idealiſtiſche Dichtungsart in großen Zügen eben der Unterſchied zwiſchen klaſſiſchem und modernem Kunſtſtil angegeben iſt. Daß dieſer Unterſchied jedoch kein rein äußer⸗ licher iſt und wie er im allgemeinen in ſeinen Wirkungen in ganz verſchiedener Weiſe zu Tage tritt, haben wir vorher verſucht zu entwickeln.

Treten wir nunmehr geſtützt auf die gewonnenen Geſichtspunkte an unſere Dichter heran und vergegenwärtigen uns im Geiſte ihre Hauptdichtungen, ſo finden wir beſtätigt, was allgemein bekannt iſt und was wir in der Einleitung berührten, daß Goethe eine klaſſiſche, realiſtiſche oder objektive, Schiller eine moderne, idealiſtiſche oder ſubjektive Dichternatur ſei. 1