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Goethe ſah die Welt mit natürlichen Augen an,„empfing in ſeinem Innern Eindrücke, und zwar“, wie er Eckermann gegenüber ſich ausdrückt(Geſpräche III. 172),„Eindrücke ſinnlicher, lebensvoller, lieblicher, bunter, hundertfältiger Art, wie eine rege Einbildungskraft ſie ihm darbot; dieſe Eindrücke rundet er in ſeinem Innern zu künſtleriſchen Gebilden ab und bringt ſie durch eine lebendige Darſtellung uns vor Augen.“ Da haben wir den realiſtiſchen Dichter mit ſeinen eigenen Worten.
Es muß hier hervorgehoben werden, daß dieſe objektive Wiedergabe der Natur durch Goethe in der That ſtets eine künſtleriſche und zwar in der höchſten Bedeutung des Wortes künſtleriſche iſt. Goethe als realiſtiſcher Dichter iſt nicht auf eine Stufe zu ſtellen mit franzöſiſchen Dichtern unſerer Zeit, die ſich im Gegenſatz zu der romantiſchen Schule die realiſtiſche nennen, die ſich aber z. t. bezeichnender ſchon die„naturaliſtiſche“ nennen würden. Während dort, bei Goethe und bei allen wahren realiſtiſchen Dichtern, die gegebene Wirklichkeit zum Ideal erhoben vor uns ſteht, erblicken wir hier, mit abſichtlicher Beiſeiteſchiebung jeder künſtleriſchen Auffaſſung, nichts als die bloße Natur, deren häßliche Seiten gerade mit einem gewiſſen Wohlbehagen ausgemalt— gleichſam ſeciert— werden. Wo bei einer ſolchen Auf⸗ faſſung die wahre Kunſt bleibt— ſelbſt wenn die äußere Form, die Darſtellungsweiſe, eine beſtechende, glänzende iſt, erſcheint leicht einſehbar.
Wollte man ſolchen dichteriſchen Erzeugniſſen den Namen von Kunſtwerken im höheren Sinne beilegen, ſo könnte man mit größerem Rechte ein in ſchöner, geſchmackvoller Farbenzuſammenſtellung ge⸗ wirktes Tuch mit dieſer Bezeichnung beehren. An äußerem Formenglanz mögen ſie gleich ſein, aber dieſem fehlt— und das hier zu ſeinem Vorteil— der jene entſtellende rein häßliche Inhalt.
Wie Goethe die innere harmoniſche Ausgeſtaltung ſeiner Perſönlichkeit zu hoher, einheitlicher Menſchlichkeit ſtets Hauptzweck ſeines Lebens war, welches Streben ihm durch die Gunſt der äußeren Verhältniſſe in ſo hohem Maße erleichtert und ermöglicht wurde, ſo war auch in ſeinen Dichtungen ſein
Hauptbeſtreben die einheitliche, aus einem Guß geformte und ſich ſtets nur in den Grenzen der Natür⸗ lichkeit haltende Charakterdarſtellung ſeiner Perſonen— daher gehören auch ſeine Dramen, vornehmlich die aus der reifſten Periode ſtammenden, wie Iphigenie und Taſſo, weſentlich der pſy chologiſchen Gattung an. Dichtungen dieſes Schlages aber ſind an ſich ſchon nicht danach angethan in breiter Aus⸗ dehnung zündend in der großen Menge zu wirken.
Goethe hatte dieſe Weſenseigentümlichkeit ſeiner dichteriſchen Schöpfungen, beſonders mit Rück⸗ ſicht auf ihren Wirkungskreis, ſelbſt wohl erkannt, wenn er am 11. Oktober 1828 zu Eckermann ſagte: „Meine Sachen können nicht popular werden; wer daran denkt und dafür ſtrebt, iſt im Irrtum. Sie ſind nicht für die Maſſe geſchrieben, ſondern nur für einzelne Menſchen, die etwas Ähnliches wollen und ſuchen und die in ähnlichen Richtungen begriffen ſind.“ In jeder ſeiner Dichtungen hat Goethe einen Teil ſeiner eigenen, ſo unendlich reichen inneren Entwicklung niedergelegt, ſo daß wir in der Geſamt⸗ heit ſeiner Werke die Geſamtheit ſeiner geiſtigen Perſönlichkeit beſitzen. Wie aber ſein Streben war, ſich hinein zu verſenken in den Geiſt des klaſſiſchen Altertums, ſich mit dieſem Geiſte zu durchdringen, ſo ſinden wir das Ergebnis dieſes Strebens in ſeinen Werken niedergelegt. Einfach und natürlich, ohne überladenen äußeren Schmuck, in heiterem, abgeklärtem Glanze erſcheinen ſie, prunklos wie eine Statue aus der Blütezeit der griechiſchen Bildhauerkunſt oder wie ein doriſcher oder joniſcher Tempel und doch in äſthetiſchem Egoismus ſpröde ſich dem nur neugierig oberflächlichen Blicke in ihrer vollen Schönheit zu enthüllen. Wer dieſe Dichtungen voll verſtehen und genießen will, der muß ſich mit ihnen zurück⸗ ziehen in die Einſamkeit und ſich ſtill in das eigenſte Geiſtesleben des Dichters verſenken; er muß ver⸗ ſuchen, um in dieſe anſcheinend ſo einfache und doch ſo unendlich tiefe Welt einzudringen, ſich einen Teil jener„genialen Naivetät“ anzueignen, die dem Griechenvolk eigen war, die ein modernes Kulturvolk als Nationalgut aber nicht mehr beſitzen kann. Wem es gelingt, den Geiſt des klaſſiſchen Altertums im Goetheſchen Sinne zu verſtehen und zu würdigen, der wird im ſtande ſein, ſich an dem in Goethes Werken atmenden Geiſte zu berauſchen.—


