Aufsatz 
Warum ist Schiller populärer als Goethe? / von Julius Heuser
Entstehung
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Das Volk als ſolches aber, dem dieſe Welt ferner liegt, wird ſich mehr begeiſtern an Kunſt⸗ gebilden, die vorzugsweiſe ſeiner modernen Geſchmacksrichtung Rechnung tragen, und deshalb greift auch das Volk, ſofern es bei einem Dichter Geiſtesnahrung ſucht, lieber zu Schiller es achtet und ehrt Goethe als einen erhabenen Geiſtesfürſten, dagegen liebt es Schiller als den Dichter, bei welchem es die in ſeinem eigenen Innern ſchlummernden Ideen in lebendiger, zu Herzen ſprechender Weiſe ausge⸗ ſprochen findet.

Schiller iſt der Dichter des Idealismus, alle hohen Ideen, die nur immer eine Menſchen⸗ bruſt erfüllen und begeiſtern können, lebten kräftig auch in ſeiner Bruſt; ſie füllten ſein Inneres völlig aus.

Frühzeitig in beſchränkende Feſſeln gelegt, brach dieſe durch die Rouſſeau'ſchen Lehren genährte Begeiſterung für Menſchenrechte und Menſchenfreiheit zunächſt in um ſo rückſichtsloſerer, rauherer Form ſich Bahn; wie ein durch Dämme zurückgehaltener Bach ſchließlich aus innerer treibender Kraft die Hemmniſſe zerreißt und ſeine wild wogenden Fluten wahllos über Fluren und Auen vernichtend ergießt, ſo brach der Genius Schillers los, in ſeiner durch äußere Einſchränkung vervielfachten Kraftentfaltung alle Grenzen weiſer Mäßigung und regelbeobachtender Beſonnenheit außer Acht laſſend. In ſeinem Innern ergriffen von den ſtürmenden und drängenden Ideen ſeiner Zeit, und gerade in Bezug auf dieſe Ideen in ſeiner eigenen Perſönlichkeit ſchwer verletzt, wandte er in jugendlich unmutiger Bitterkeit ſeinen Zorn und Grimm gegen die ganze beſtehende menſchliche Ordnung, gegen Geſellſchaft und Staat. Und ungeheuer zündete er in jener Zeit, wo die franzöſiſche Revolution vor der Thür ſtand und auch in Deutſchland die Lehren der Vorbereiter derſelben gewaltigen Einfluß ausübten. Und auch heute noch zündet er, da die Sprache der Leidenſchaft ſtets lauten Wiederhall weckt, in jeder fühlenden Bruſt.

Wenn uns heute auch die in den Räubern, in Fiesko, Kabale und Liebe niedergelegte revolutio⸗ näre Stimmung fremd iſt und wenn wir auch durch die z. t. unkünſtleriſche, oft rohe Form und durch die zahlreichen unnatürlichen, überſchwenglichen Situationen vielfach abgeſtoßen werden, ſo wird ſich doch auch heute niemand der wahren, edlen Begeiſterung verſchließen können, die i. a. jene Stücke atmen und der man nachfühlt, daß ſie aus einer für das Gute, Wahre, Schöne warm empfindenden Bruſt hervor⸗ quoll. Darin aber liegt der durchgreifende Unterſchied zwiſchen wiederum Schillerſcher und Goetheſcher Dichtung und auch ein Grund mit für die größere Beliebtheit der erſteren überall im Volke, daß Schiller den Zeitgeiſt aufgriff, wie er in ihm und in der Mehrzahl ſeiner Zeit⸗ und Volksgenoſſen lebte und daß er ihn in dieſer Form zur Darſtellung brachte, während ein ſolches in die Außenwelt tretende Drängen und Treiben Goethes, zu ſtiller Beſchaulichkeit angelegter Natur fremd war. Freilich war auch letzterer in ſeiner Jugend nicht unbeeinflußt von dem treibenden Geiſte der Zeit geblieben, und auch er legte dieſe Stimmung nieder zunächſt in dem im Mai 1773 erſchienenen Büchleinvon deutſcher Art und Kunſt, einige fliegende Blätter, in denen er von Herder als der deutſche Shakeſpeare angekündigt im Entzücken über das Münſter zu Straßburg ſich gegen den, den Standpunkt der antiken Baukunſt ver⸗ tretenden Abbé Laugier wendet und auch er ſchuf dann dieſer Geiſtesſtrömung ein bleibendes literariſches Denkmal im Götz von Berlichingen, dem Stücke, das man ſeine revolutionäre Dichtung nennen könnte, die, auf echt volkstümlichem Boden entſproſſen, Goethes volkstümlichſtes Drama geblieben iſt. Aber ſchon hier, welcher Unterſchied von den revolutionären Jugendſtücken Schillers! Zwar auch im Götz, be⸗ ſonders in dem erſten Entwurfe durch Einfluß Shakeſpeare's hervorgerufene äußere ungebundene Regelloſigkeit, Mannigfaltigkeit und Wechſel der Scenen, bewegtes dramatiſches Leben, intereſſantes romantiſches Beiwerk und doch ſchon hier Hinſtreben zum Typiſchen, ausgeſprochene Neigung vom Beſondern zum Allgemeinen, von der Erſcheinung zur Idee emporzuſteigen.

Bei Schiller umgekehrt überall Neigung zur Individualiſierung, Herabſteigung vom Allgemeinen zum Beſondern, von der Idee zur Erſcheinung. Und auf dieſem Gebiete welche bezaubernde Mannig⸗ faltigkeit! Begeiſtert von den ewigen Ideen des Wahren, Schönen, Guten legt er dieſe Ideen in ihrer