Aufsatz 
Helfrich Bernhard Hundeshagen und seine Stellung zur Romantik. Nebst 2 Beilagen.
(2 Briefe von Jacob Grimm.)
Entstehung
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Im elften Paragraphen entwickelt HI. seine Ansichten über die Türme der gothischen Kirchen. Sie entstanden erst nach Anwendung der Glocke und sind in ihrer Grösse und Stärke durch das Gewicht und den Zweck dieses kirchlichen Werkzeugs bedingt. Es erhob sich nun die Frage, wo soll der Turm stehen? Früher setzte man ihn vor den Eingang, später, um ihn mehr in Einklang mit dem ganzen Gebäude zu bringen, an die Seite des Eingangs oder in den Winkel, den das Schiff mit dem Transsept bildet. Dadurch aber wurde die Ubereinstimmung der einzelnen Teile des Gebäudes gestört. Deshalb meint H.: Ein dem ganzen Gebâude verhältnismässiger Turm über dem Eingang däucht mir die schicklichste Stellungsart für denselben zu sein. Hieran schliessen sich Vorschriften tech- nischer Art über die Verhältnisse, die der Turm zum Ganzen und in der Ausgestaltung seiner einzelnen Teile haben soll.

Wäahrend IH. in Paragraph acht und neun über die einzelnen Arten der Verzierungen an den gothischen Gebäuden gesprochen hat, kommt er im zwölften Paragraphen noch einmal auf die Bedeutung der Verzierungen im allgemeinen zurück. Das Ilauptsächlichste über diesen wichtigen, künstlerisch bedeutsamen Schmuck giebt er in folgenden Sätzen:Es ist der verständige Grund der Verzierung, dass der Blick des Beschauers, der das Ganze nicht begreift, nicht zu schnell über den einfachen Teil des Gebäudes hinläuft und in die Leere der Luft oder seines eigenen Geistes zurückkehrt. Die Verzierung soll an das Einfache, Endliche der ursprünglichen Gestalten, die die Baukunst erhaben in den lichten Lufträumen darstellt, die Unendlichkeit der sich entwickelnden Schöpfung anbringen und mit der, Xlannigfaltigkeit und Vielheit der reinen glatten Glieder wechseln lassen, damit das Gefühl des mehr sinnlichen Menschen, welches um dessen Gemüt herumläuft(!), nicht wie bei der tiefsten Empfindung sich in sein Innerstes hineindrängt und der Seele ein Bild darstellt, auf eine einzelne Weise aufgehalten und befriedigt werde..

Das Schlusswort des Werkes verdient nach zwei Seiten hin Beachtung und Wieder- gabe. Aus ihm lässt sich ein Zug warmer Begeisterung für die deutsche Kunst des Mittel- alters erkennen, und die Notiz über die Bedeutung deutscher Baumeister im 12., 13. und 14. Jahrhundert über die Grenzen des Vaterlandes hinaus muss uns angenehm berühren. II. schliesst sein Werk mit folgenden Worten:Es zeigt zuletzt die echte, d. h. in ihren Gestalten und Verhaltnissen vollkommen ausgebildete sogenannte gothische Kirchenbaukunst bis in die höchsten einzelnen Gestaltungen den wahren germanischen Geistes- und Schöpfungszug, worin der deutsche Künstler dies römische Gebäude nach seinem Zweck wie Gedanken umschuf.

Die Betrachtung der besseren deutschen Kunstwerke dieser Art, wozu unstreitig die Frankenberger Kapelle gehört, die Vollkommenheit in dem Gedanken wie in der Ausführung und Arbeit nimmt uns die Verwunderung, wenn wir bei Paul Jovio in seinem Leben berühmter Männer lesen, dass im 12., 13. und 14. Jahrhundert Italien seine besten bildenden Künstler aus Deutschland erhielt, und diese sogenannte gothische Baukunst späterhin von dem Italiener Vasari die deutsche Kunst genennet wird.

Die dem Werke über die Frankenberger Kapelle beigegebenen Zeichnungen zeigen durchweg eine saubere Ausführung. Sie zeugen von einer nicht gewöhnlichen Kunstfertigkeit