Aufsatz 
Helfrich Bernhard Hundeshagen und seine Stellung zur Romantik. Nebst 2 Beilagen.
(2 Briefe von Jacob Grimm.)
Entstehung
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denen die Mittel der Technik angegeben werden, die geeignet sind, die oben geschilderte Gemütsbewegung zu erzeugen. Es wird dann weiter gesagt:Das Gewolbe im Inneren der Kirchengebaude wie die Erhebung und von der höchsten Erhabenheit spitz herab- gehende Abdachung von aussen geben den christlichen Kirchen etwas, das den Blick des Betrachtenden von oben nach unten leitet und umgekehrt. Um nun das Gerippe des Gewölbes mit den es tragenden Säulen so in Harmonie zu bringen, dass das Auge keinen unangenehmen Eindruck erhalte, wurde die Säule ein Complex von Saulchen, wodurch aber der versteckte Leib der Hauptsäule dem mit Verständnis Schauenden nicht verdeckt wird. Ferner stehen, um den harmonischen Eindruck nicht zu stören, die Ver- zierungen an Gewölbe und Säulen mit denen der Fenster im Einklang.

Auffallend ist bei den älteren gothischen Gebäuden die Thatsache, dass gewöhnlich einige Stufen abwärts in den inneren Raum führen. Die Gründe für diese Vertiefung werden im siebenten Paragraphen ausgesprochen. Sie wird teils als ein Schutzmittel gegen die Einwirkungen der Witterung angesehen. teils mit dem spâteren Gebrauch, die Leichen von Geistlichen und vornehmen Laien in der Kirche zu bestatten, in Verbindung gebracht. Ganz besonders lehrreich für die Art, wie sich II. in seinen Stoff vertiefte, sind die folgenden Sätze:Die Vertiefung wie Erniedrigung nach dem Eintritt in die Kirche konnte auch ungefähr so zur religiösen Demut wirken, wie das Knien zum Gebet; ja, diese Vertiefung erhebt im Gegensatz den erhöhten Ort des Heiligsten noch bei weitem mehr. Und einige Zeilen weiter heisst es:Auch macht sie(die Vertiefung) zu dem äusseren Emporstreben des Kirchengebäudes den besten Gegensatz: denn auch in der Baukunst sind die Gegen- sätze in der Gestaltung erste Ursache von Bewegung und Leben.

Die beiden folgenden Paragraphen handeln von den Verzierungen, welche den gothischen Bauwerken eigen sind. Sie sind zweierlei Art, einmal vegetabilische Verzierungen, die dazu dienen, um den Blick des Beschauenden allmählich an den Seiten der spitzwinkeligen Giebel emporzuführen, weil das Fehlen einer derartigen Verzierung den Blick zu un- vermittelt zum Ende des Giebels führen würde. Hierdurch aber würde Unruhe erzeugt, während infolge der angebrachten vegetabilischen Verzierungen das Auge des Beschauers mit Ver- gnügen den schneidenden Gegensatz zwischen den lebenden Gestalten und den ruhigen wie ernsten Massen des Gebäudes empfindet. Zweitens ist es die Rosette, die einen bedeutenden Schmuck für alle Gebäude gothischer Bauart bilde, an denen sie höchst selten fehle.

Besonders beachtenswert ist das, was H. im zehnten Paragraphen über die Thüre sagt.Die Verzierung der Thüre zieht durch ihre Mannigfaltigkeit den Blick des Beschauers an sich und bewegt ihn selbst durch ihre einwärts gehende Bildung in dieselbe hinein. An ihr zeigt sich zusammengedrängt die innere Bildung und Durchsicht des Gebäudes, so dass nach Eintritt in dasselbe dem rückerinnernden Beschauer in den Säulen und Wölbungen die Glieder der Thürverzierung sich einzeln entwickeln; die erhabene bildliche Verzierung des Feldes üͤber dem Lichten der Thür ist stets ein Vorbild der Verzierung des Hauptaltars, daher beide Orter stets und hauptsächlich die Person darstellen,

der die Kirche geweiht ist.