Aufsatz 
Helfrich Bernhard Hundeshagen und seine Stellung zur Romantik. Nebst 2 Beilagen.
(2 Briefe von Jacob Grimm.)
Entstehung
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umfasst, und dem 3 Kunstblätter beigegeben sind, zerfällt in zwei Teile. Der erste ent- hält die Beschreibung der Kapelle mit kurzer Angabe der Bauzeit und des Stifters, der zweite giebtGedanken über die allgemeineren Gestalten und Hauptzüge der sogenannten gothischen Kirchengebäude: besonders in Rücksicht auf ihre Entstehung, Zweck und Notwendigkeit. 4

Bemerkenswert aus dem ersten Teil der Arbeit sind zwei Stellen. Aus der ersteren ersehen wir, dass H. sich nicht bei seinen Zeichnungen auf die blosse Wiedergabe des Vor- handenen beschränkte, sondern auch Rekonstruktionen vornahm. An der Kapelle befinden sich näâmlich eine Anzahl Nischen und Fussgestelle, aus denen die Bildsäulen, welche sie chemals schmückten, ausgebrochen sind. Nach den noch vorhandenen Unterschriften be- setzte diese IHI.mit den Gestalten der Erzväter, Propheten, Aposteln der heiligen Ge- schichte. Die zweite Stelle ist eine von denen, die uns H. als Romantiker erkennen lassen. Sie lautet:Nächst den noch vorhandenen UÜberbleibseln von halberhabenen Bildern in dem Felde über der Thüre und in den beiden Seitennischen des Altars sind frei und rund gearbeitete Eichenblätter mit Frucht nebst anderen heimischen Kräutern und Blumen die Zierde der architektonischen Bekleidung. Und so treten auch hierin heimische Ein- bildungen der Vernunft des Künstlers entgegen; der Baukünstler wird gum Dichter, indem er die ursprünglichen Gestalten mit dem Gewand der Natur bekleidet darstellt! Die Ausdruckweise des jugendlichen VWerfassers ist nicht frei von Unklarheit. Man kann an den eben wiedergegebenen Sätzen erkennen, wie II. in knappen Worten viel sagen will, zugleich sich aber auch bemüht, die Diktion schwungvoll und gedankentief zu gestalten. Nlit den heimischen Einbildungen sind die Ur- und Vorbilder gemeint, die der Künstler bei der Formgebung der Verzierungen benutzt hat, und deren ursprüngliche Gestalt er den Forderungen und Zwecken seiner Kunst entsprechend formt und darstellt. Am interessantesten aber ist der Ausspruchder Baukünstler wird zum Dichter. Das heisst doch nichts anderes als: der Künstler über- trägt die Gestalten seiner Phantasie, die er ihrerseits erst aus dem Leben geschöpft hat, in die Wirklichkeit Poesie und Leben werden eins. Damit kämen wir auf den charakteristischen Grundgedanken der romantischen Schule.

Bezeichnender indessen für H.'s Auffassungs- und Anschauungsweise ist der zweite Teil der in Rede stehenden Arbeit, deren Ausführungen ein allgemeineres Interesse zu erregen geeignet sein dürften. Er ist in Paragraphen eingeteilt, von denen der erste die Einleitung enthàlt. Hierin wird die Wechselbeziehung angedeutet, welche zwischen dem in der christlichen Gemeinde Sprechenden und der Gestaltung des Raumes besteht, in dem sich die Gemeinde versammelt. Dieser Raum musste so beschaffen sein, dass der Redende zugleich allen Hörern verständlich und auch sichtbar war. Der zweite Paragraph führt dann aus, welches die schicklichste Form für einen derartigen Raum war, und da ergiebt es sich, dass die aus dem Kreis und dem Quadrat zweckmässig abgeleiteten Gestalten, das Langrund(Ellipse) und das Langviereck(Oblong), die geeignetsten Formen sind.Im Lang- rund nun war die Stelle, wo der längste Durchmesser den Umkreis berührt, oder, wenn es