Aufsatz 
Helfrich Bernhard Hundeshagen und seine Stellung zur Romantik. Nebst 2 Beilagen.
(2 Briefe von Jacob Grimm.)
Entstehung
Einzelbild herunterladen

6

Auch hier in Gôttingen war seine Thätigkeit eine so vielseitige, dass seine Bekannten nicht klar darüber waren, ob er auf wissenschaftlichem oder künstlerischem Gebiete seine Lebens- aufgabe suchte. Dieselbe Hast und Unruhe, die schon in der Marburger Zeit hervortrat, zeigte sich auch hier. Es leuchtet ein, wie bedenklich dieser Mangel an Concentration für eine glückliche, den höchsten Aufgaben gewachsene Entwickelung der Fähigkeiten IH.'s werden musste; denn der Mangel an Stetigkeit lässt auch den genialen Geist im besten Fall nicht weiter als bis zu einem hochentwickelten Dilettantismus gelangen. Herr Prof. Dr. Otto in Wiesbaden ist im Besitz einer handschriftlichen Notiz Kindlingers, welcher nach einem Besuch, den H. ihm im Jahre 1810 in Fulda machte, von demselben sagte: Er ist ein junger Mann von vielen guten Anlagen, der vieles verspricht, nur müsste er seine Unternehmungen nicht zu weit ausdehnen, weil er dann allein nicht die Sachen wird ausführen können, schlechterdings Gehülfen haben müsste.... Dieses Urteil trifft auch ganz für die Zeit zu, von der wir zuletzt sprachen. Es wird aus dem weiteren Verlauf der Darstellung hervorgehen, dass die Zersplitterung der Kräfte geradezu das tragische Moment in H.'s Leben bildet.

Allem Anschein nach beabsichtigte er, sich der akademischen Laufbahn zu widmen. Das Jahr 1806 dber hat seine Hoffnungen vernichtet. Er selbst deutet das im Eingang des Vorworts zu seinem Werke über die Kaiserpfalz zu Gelnhausen an, wo er sagt:Die Unfälle des Vaterlandes im Jahre 1806 nahmen mir die Aussicht auf eine früher gewünschte und erwartete Lebensbestimmung, und ich suchte mir Trost für die Gegenwart bei den Denkmälern der Vergangenheit.

In Folge der politischen Ereignisse war H. in seine Vaterstadt zurückgekehrt. Wie auf der Universitât, so beschäftigte er sich auch hier mit wissenschaftlichen. Studien, ohne dabei seine künstlerischen Neigungen aufzugeben. Er fertigte in dieser Zeit zahlreiche Auf- nahmen landschaftlich merkwürdiger Punkte aus Hanaus Umgebung an, die einen ganz besonderen lokalhistorischen Wert haben, da eine ganze Reihe von örtlichen Verhältnissen und Gebäuden im Bilde festgehalten wurden, die seit jener Zeit der Ausdehnung der Stadt zum Opfer fielens). Künstlerischen Wert haben diese Aquarelle nicht; selbst als Skizzen be- trachtet zeugen sie nicht von grosser Gewandheit. Die architektonischen Zeichnungen I.s, die er seinen kunsthistorischen Werken beigefügt hat, stechen vorteilhaft von jenen Auf-

nahmen ab. DieUnfälle des Vaterlands, denen H. einen so tiefgehenden Einfluss auf die Ge-

staltung seiner Lebensschicksale zuschreibt, und die aus ihnen entspringenden unsicheren Verhältnisse waren wenig dazu angethan, ein leicht erregbares Temperament zu ruhiger Sammlung kommen zu lassen, die fruchtbares Schaffen ermõöglicht. Es kann daher bei H.s beweglicher Natur nicht Wunder nehmen, wenn wir ihn ohne feste, ein bestimmtes Ziel verfolgende Thätigkeit sehen. Der briefliche und gesellschaftliche Verkehr, den er in dieser Zeit pflegte, war ein sehr reger. Wenig erfreulich aber sind die Einblicke, die uns nach einer bestimmten Seite hin sein Leben gewährt. Seine erotischen Neigungen wechselten

³) Die hier erwähnten Skizzen befinden sich in der Sammlung des Herrn Kaufmann J. Wiedersum zu Hanau.