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Ausſichten auf Frieden bietend, neigte ſich das Jahr 1793 zum Ende. Ruhigen glücklichen Tagen glaubte Fiſchenich entgegenzugehen. Immer größere Freude machten ihm ſeine Vorleſungen; unvermindert blieb die Zahl ſeiner Zuhörer, die wie einer ſeiner Altersgenoſſen ſich ausdrückt,„in ihm gleichſam den Repräſen⸗ tanten des Rechts verehrten, deren Anhänglichkeit an ihn grenzenlos war.“ Noch vor dem Schluß des Jahres ernannte ihn der Kurfürſt zum Hofrath(zum wirklichen Hof⸗ und Regierungsrath, wie er am 18. November an Charlotte ſchrieb); es machte ihm Vergnügen, mit demſelben Titel wie Schiller genannt zu werden.
Es kam anders. Durch eine bis jetzt noch räthſelhafte Politik mehr als durch Waffenunglück gingen die Niederlande verloren, ward den Franzoſen der Weg nach dem Rhein geöffnet. Schon im Frühjahr 1794 hatte Fiſchenich ganz andere Nachrichten zu melden als wir bisher von ihm gehört. Am 14. April ſchreibt er an Charlotte;„Noch iſt, wie mir ſcheint, der Zeitpunkt weit entfernt, der dieſem unſeligen Kriege ein Ende machen wird.“ Trüber wurden die Ausſichten, nachdem die Franzoſen am 16. Juni bei Fleurus geſiegt. Am 12. Auguſt meldet er:„Wir ſind hier von neuem in Furcht von den Franzoſen überfallen zu werden. Die meiſten Studenten ſind bereits(aus Furcht von ihnen als Soldaten ausgehoben zu werden) von hier gewandert, und dies hat viele Profeſſoren veranlaßt ihre Vorleſungen zu endigen. Ich fahre noch immer fort, obgleich die Anzahl meiner Zuhörer in einem Collegium auf 16, in dem andern auf 12 vermindert iſt. Ich kann Ihnen die allgemeine Verwirrung nicht ſchildern“. ¹)
In den erſten Tagen des Oktober zogen ſich die deutſchen Truppen auf's rechte Rheinufer zurück. Schon in der Nacht vom 3. auf den 4. hatte der Kurfürſt Max Franz ſeine Reſidenzſtadt verlaſſen. Am 8. rückten die Franzoſen unter Marceau in Bonn ein. Den Tag darauf ließ der General unter Trommelſchlag verkünden, daß die(damals ſchon ganz entwertheten) Aſſignaten nach ihrem Nennwerth angenommen, alle Läden zum Verkauf geöffnet werden müßten. Mit dem werthloſen Papier bezahlten die Franzoſen was ſie kauften. Wer aber an die franzöſiſchen Behörden zu zahlen hatte, mußte klingende Münze bringen. Und ein ſcharfes Gebot ward erlaſſen, die Waaren für Aſſignaten nicht zu höherm Preiſe zu verkaufen als für Geld. ²) Am 10. ward auf dem Markt vor dem Rathhaus ein Freiheitsbaum(eine vom Kreuzberg herbeigeholte Tanne) errichtet. Bürgermeiſter und Rath, von Marceau eingeladen, mußten dem Feſt beiwohnen.
Die eroberten Lande zwiſchen Maas und Rhein wurden in ſieben Bezirksverwaltungen eingetheilt, die unter einer in Aachen eingeſetzten Central⸗Adminiſtration ſtanden. Bonn ward der Sitz der Bezirksverwal⸗ tung für das Kurfürſtenthum und die Stadt Köln, laut Beſchluß vom 14. November 1794. Die bisherige Regierung mußte ihr ſogleich ihre Archive und Regiſtraturen übergeben. Im Jahr 1796 wurde die Central⸗ Adminiſtration und die ſieben Bezirksverwaltungen aufgehoben.
Die Vorleſungen Fiſchenich's und der andern Profeſſoren mußten bei der Ankunft der Franzoſen auf⸗ hören, weil, wie wir unten von ihm ſelbſt hören werden,„das Militärhoſpital in die Univerſitätsgebäude verlegt war“. Im Jahr 1796, ſo berichtet er weiter,„nahmen die Vorleſungen wieder ihren Anfang, und dauerten bis ohngefähr an's Ende des Jahrs 1797 fort“.
Fiſchenich an Charlotte. Bonn, 30. November 1796. Ihr Brief ³) hat mich gefunden, theure unvergeßliche Freundin, und zwar geſchwinder als ich vermuthet hätte. Sie haben richtig gefühlt, daß ich Ihrer nie, auch nicht in dem Gewühl des verderblichſten Kriegs vergeſſen könne. Nein, ich kann nicht undankbar ſein. Ihr und Schiller's Andenken lebt friſch, als wenn
¹) Charlotte von Schiller Th. 3. S. 107.— ²)„In die Gotteshäuſer kamen die Soldaten, rauchten Tabak, ſchenkten ſich Branntwein ein, tranken unter dem Gottesdienſt u. dgl.“ Aus den Aufzeichnungen der Anna Cath. Rederſcheidt, nach dem Original, nicht nach dem Abdruck im Rhein. Antiquarius Abth. 3. Bd. 14 S. 255; wo es, willkürlich geändert, lautet: „Soldaten ꝛc. ſoffen während dem Gottesdienſt Branntwein.“ Aber Ausdrücke, wie dieſer, kamen nie aus dem Mund der Chroniſtin.— ³) Dieſer Brief und der hernach erwähnte vom September 1794 ſind nicht mehr vorhanden. Der zunächſt vorhergehende uns erhaltene Brief von Charlotte iſt vom 7. November 1793, der nächſtfolgende vom 26. Juli 1799; beide gedruckt im„Andenken“ S. 37. 50.


