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gewiß noch ſehr chaotiſch; daher erwarte ich mit lngehuld Ihre Gedanken über dieſen wichtigen Gegenſtand.
Nächſtens mehr hiervon. Ewig Ihr Freund Fiſchenich.
Schiller ſchrieb am 20. März, daß er im Sommer nicht Geſchichte ſondern Aeſthetik leſen werde. Gleichwohl entſchloß ſich der oben erwähnte junge Mann nach Jena zu gehen. Fiſchenich gab ihm am 29. einen Empfehlungsbrief an Schiller mit. Dasſelbe that der Curator der Univerſität Bonn, Frhr. v. Spiegel (Halbbruder des nachmaligen Erzbiſchofs von Köln) in deſſen Brief wir auch ſeinen Namen leſen.„Der junge Pfeifer,“ ſchreibt er,„iſt voller guten Willens ſich auszubilden; allein er glaubt zum Dichter erſchaffen zu ſein. Ich las ſeine Gedichte; ihm zu erklären daß ſie das dem Dichter nöthige Feuer nicht verriethen, erlaubte ich mir aus Schonung nicht.“— Am 25. Juli meldete Schiller, daß er mit ſeiner Frau in zehn Tagen Jena verlaſſen, den Herbſt und Winter in Heilbronn zubringen werde. ¹) Fiſchenich beeilte ſich, ihm zu antworten.
Fiſchenich an Schiller. Bonn, am 1. Auguſt 1793.
Sie ſind mir zuvorgekommen liebſter Freund! Ich war im Begriff mich nach Ihnen zu erkundigen, wurde aber durch Zufälle von einem Tag zum andern verhindert. Es würde jedoch eher geſchehen ſein, wenn ich nicht vor einiger Zeit von Herrn Pfeiffer tröſtliche Nachrichten in Anſehung Ihrer Geſundheit und daß Sie mir eheſtens ſchreiben würden, vernommen hätte. Ich bin überzeugt, daß Sie meine Liebe für Sie die keinem Wechſel unterworfen iſt, nicht nach der Anzahl meiner Briefe abmeſſen. Immer fühle ich's mehr was ich entbehren muß, und daß ich nie dieſen Verluſt verſchmerzen werde. Ich brauch' Ihnen daher auch wohl nicht zu ſagen welchen innigen Antheil ich an Ihrer Nachricht nehme, und daß ich nichts ſo ſehr wünſche, als Zeuge Ihrer wechſelſeitigen Freude zu ſein. Wie wird ſich die gute Mutter freuen und wie froh bin ich, daß ſich ihre Krankheit ſo glücklich auflöſte und ihr dieſe Lebensfreude noch zu Theil wird die der glücklichen Gattin nichts zu wünſchen übrig läßt! Ich finde es ſehr zweckmäßig daß Sie Jena verlaſſen und eine reinere Luft ſuchen. Da die Wirkungen wie ich glaube, vortheilhaft ſein werden, ſo wünſchte ich daß Sie nach dem Winter Ihr Verſprechen ausführten und mich hier beſuchten. In Bonn wird jeder Reſt von Unpäßlichkeit ſchwinden. Ich will ja gerne für die Mutter ein recht gemächliches Sopha zubereiten laſſen„um auszuruhen.“ Sollte dieſes Projekt deſſen Erfüllung ich mit Sehnſucht entgegenſehe, nicht ausführbar ſein, ſo wäre zu über⸗ legen ob wir nicht bei Ihrer Rückreiſe an einem dritten Ort zuſammenkommen könnten. In hieſigen Gegenden iſt jetzt Alles wieder ruhig und in einem Jahre wird wie mir dünkt, Friede ſein.— Ich danke Ihnen für das überſchickte Heft der Thalia, in dem ich mit Vergnügen einen der intereſſanteſten Gegenſtände, worüber die Begriffe noch ſehr ſchwankend und unbeſtimmt ſind, von Ihnen bearbeitet finde ꝛc. Ich habe während meiner Vorleſungen manche Bemerkung beſonders im Staats⸗ und Völkerrecht gemacht, und wünſchte daher mich einigen ſchriftſtelleriſchen Arbeiten widmen zu können; dies iſt mir aber noch zur Zeit wegen anderer zum Theil ſehr heterogener Geſchäfte nicht möglich. Ich ſehe auch ſo bald keine Erlöſung, vielmehr werden ſich dieſe mit der Zeit noch mehr häufen und mir wenig Zeit zur Erholung übrig laſſen.— Schon ſeit einiger Zeit blieb mir nur ein Theil des Nachmittags zu meinen Arbeiten frei. Der hieſige Landtag hat in dieſem Jahr länger als gewöhnlich, drei Monate gedauert. Da ich dieſem als Deputirter im Grafen⸗ collegium beiwohnte, ſo nahmen mir dieſe Sitzungen mit meinen Vorleſungen den ganzen Morgen weg. Weil ich einmal von dem Landtag ſpreche, kann ich nicht umhin bei dieſer Gelegenheit zu bemerken, daß der kur⸗ kölniſche Bürgerſtand von dem Adel und der Geiſtlichkeit Gleichheit der Abgaben nach Verhältniß ihrer Güter verlangte. Der größte Theil derſelben widerſetzte ſich und berief ſich auf den Beſitzſtand und ihre Privilegien. Die Repräſentanten des Bürgerſtandes beſtanden hartnäckig auf ihrer Forderung, bis man endlich einen Vergleich vorzuſchlagen beliebte, der nun wohl zu Stande kommen wird ꝛc. Grüßen Sie Ihre Mutter und die Ihrigen.
Ganz Ihr Fiſchenich.
¹) Beide hier erwähnte Briefe Schiller's. im Andenken an Fiſchenich S. 29. 34. Auch Hrn. v. Spiegel's Empfehlungs⸗
ſchreiben vom 29. März beantwortete Schiller am 25. Juli. 2


