8— 1793—
und alſo Wahrheiten ſagen müſſen, die ſelbſt den beſſern Fürſten bei der gegenwärtigen Criſis gefährlich ſcheinen und damals um ſo mehr Aufſehen würden erregt haben, da wir von Tag zu Tag einen Einfall der Franzoſen befürchteten. Um alſo gleich Anfangs nicht mit mehr Hinderniſſen als mir die Zeitumſtände in den Weg legten, kämpfen zu müſſen, hielt ich es für zweckmäßiger mit jener Rede nicht aufzutreten, und wählte einen andern Gegenſtand. Ich ſuchte das gegenwärtige Intereſſe des Naturrechts zu zeigen, welches dieſe Wiſſenſchaft durch die mannigfaltigen politiſchen Begebenheiten(die ich aber nur im Allgemeinen flüchtig berührte) und vorzüglich durch die Kantiſche Philoſophie gewonnen hat. Auch hier hatte ich ein weites Feld zu mancherlei Bemerkungen und ich hätte gern über die Anwendung der Kantiſchen Philoſophie auf das allgemeine Staatsrecht und die Gränzlinien der Politik meine Gedanken vorgetragen; allein aus den ange⸗ führten Gründen und um bei meinem erſten Auftreten kein Mißtrauen gegen meine künftigen Vorleſungen zu erregen, gab ich auch hier nur einige Winke, und ließ meine Zuhörer mehr ahnen; ich ſpannte mehr ihre Aufmerkſamkeit als daß ich ſie befriedigte. In meinen Vorleſungen gehe ich meinen geraden Weg und enthalte mich nur der Anwendungen auf unſre Zeiten. Jezuweilen ſtelle ich jedoch Beiſpiele auf die der ſelbſtdenkende Zuhörer leicht auf die jetzigen Vorfälle anwenden kann. Noch ſind mir keine Bemerkungen vom Hof zuge⸗ kommen, obgleich man ein ſcharfes Auge auf die Freiheitsapoſtel geworfen hat, unter die ich aber auch keines⸗ wegs gehöre, da ich ſchon mehrmalen gegen Schwärmerei gewarnt habe. Es gibt hier Einige ſelbſt in der Regierung, welche die Ankunft der Franzoſen ſehnlich wünſchen; aber es ſind meiſtentheils Leute, die mehr Muth haben um den Freiheitsbaum zu tanzen, als ſelbſtthätige Kraft an der Abſchaffung der Mißbräuche ohne die Franken zu arbeiten. In kurzer Zeit wird unſer Schickſal entſchieden ſein; denn geſtern ſind die Kaiſerlichen aufgebrochen um die Franzoſen von 4 Seiten anzugreifen, und wie Privatnachrichten melden, ſollen ſie einen Theil derſelben aus den Verſchanzungen bei Aldenhoven(etwa 6 Meilen von hier) vertrieben haben. Wenn die Franzoſen weiter vordringen und hierher kommen, ſo werde ich wahrſcheinlich von hier gehen; denn ich bin mit dem Verfahren der Franzoſen gar nicht zufrieden und könnte mich nicht enthalten öffentlich dagegen zu reden. Ich kann es nicht leiden, daß ſie ihre Grundſätze mit Gewalt aufdringen und ihren eigenen Prinzipien nicht getreu bleiben. Sie eifern gegen Religionszwang, und zwingen mit auf⸗ gepflanzten Kanonen die Bürger zum Eidſchwur und verbreiten ihre Freiheit mit Feuer und Schwert. In Mainz dürften eheſtens desfalls blutige Auftritte entſtehen, wo ſie doch Anfangs jedem erlaubten mit Hab und Gut abzuziehen, und den Bürgern frei ſtellten ſich eine beliebige Verfaſſung zu wählen. Wenn man Freiheit in Anſpruch nimmt, ſo wird man doch auch wohl den Menſchen die Freiheit laſſen müſſen, nicht frei und Sklaven zu ſein. Man mache erſt einen widerſtrebenden Boden urbar, und dann beginne man zu pflanzen. Solchen Eingriffen in die Rechte des Menſchen, indem ſie dieſe zu verbreiten prahlen, könnte ich unmöglich gleichgültig zuſehen. Ich finde es alſo dienlicher nicht hier zu bleiben und nach Münſter zu gehen. Kann ich es in dieſem Fall möglich machen zu Ihnen zu kommen, ſo werde ich gewiß Ihre freundſchaftliche Einladung benutzen. Wie ſehr bedauere ich mein Freund, daß Sie mich nicht beſuchen können! Ich fühle es nur allzu ſehr, was ich ſeit unſerer Trennung verlor und wie nichts dieſen Verluſt zu erſetzen vermag. Ich freue mich, daß Sie einen Mann gefunden haben der Ihrer Freundſchaft würdig und für Ihre Ideen empfäng⸗ lich iſt.*) Die Nachricht daß Sie Kant widerlegen und ein objektives Prinzip des Geſchmacks aufſtellen wollen, hat mir ſehr viel Vergnügen gemacht. Kant's Behauptung hat mir nie behagt, und ich erinnere mich, mit Schmid der ihn vertheidigte, über dieſen Punkt geſtritten zu haben. Der Zuſtand der Aeſthetik iſt
¹) Karl Heinr. Gros. Vgl. Andenken an Fiſchenich S. 21. 27. Er ſtudirte in Tübingen Theologie; ward Lehrer des Kronprinzen Wilhelm; ging nach Jena, um die Rechte zu ſtudiren. Am 3. Dez. 1793 ſchrieb er an Schiller:„Meine Abreiſe nach Göttingen habe ich auf Oſtern verſchoben. Ich habe mich à corps perdu in die Juriſterei geworfen und der Philoſophie, welche mich bisher zu ſo mancher Untreue an der liebenswürdigen Göttin Themis verleitet hatte, ganz den Abſchied gegeben.“ Von Göttingen kam er als Profeſſor der Rechte nach Erlangen; trat dann in die Dienſte der Würtem⸗ bergiſchen Landſchaft; und ward vom König Friedrich auf den Asperg geſetzt, wie ehemals Moſer vom Herzog Karl auf die
Feſtung Hohentwiel. Sein Schüler König Wilhelm berief ihn 1817 nach Stuttgart, wo er 1840 als wirklicher Geheimer⸗ Rath geſtorben iſt.—


