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beide vom 24. October. Dieſe Schreiben beantwortete ich ungefähr 14 Tage nach ihrem Empfang, weil ich Ihnen von meinem erſten Auftreten einige Nachricht ertheilen wollte, das aber durch die hier herrſchende Verwirrung(indem wir täglich einen Beſuch der Neufranken befürchteten) von einem Tage zum andern ver⸗ zögert wurde. Vier Wochen nachher ſchrieb ich von neuem, obgleich nur wenige Zeilen, und erſuchte Sie mich zu benachrichtigen ob Sie im künftigen Halbjahr über Geſchichte leſen würden, weil ein hieſiger junger Mann Ihre Univerſität zu beſuchen geſonnen iſt und Geſchichte und Philoſophie zu ſeinem Hauptſtudium machen wird. Dieſem Schreiben legte ich einen Brief an Göritz bei, von dem ich ungefähr 14 Tage nach meiner Ankunft einen Brief ohne Datum erhalten hatte ꝛc. Ihre Briefe oder die meinigen ſind nicht ange⸗ kommen ꝛc. Das academiſche Leben macht mir ſehr viel Vergnügen, und ich lebe recht zufrieden. Ich habe die meiſten Zuhörer von allen Lehrern. Unter den letztern ſind helle und ſelbſtdenkende Köpfe, die mich von ihrem feurigen Antheil an der kritiſchen Philoſophie und den naturrechtlichen Wiſſenſchaften überzeugt haben. Sogar Juriſten ſuchen ſich durch die Kantiſchen Labyrinthe durchzuarbeiten. Ich kann Ihnen nicht ſagen, wie die Moral dieſes Mannes, in die ich öfters zurückgehen muß, auf die meiſten jungen Männer wirkt. Obgleich ich ſo glücklich bin, durchaus einer geſpannten Aufmerkſamkeit gewürdigt zu werden, ſo glaube ich mich jedoch in einer Todtengruft zu befinden, wenn ich einige Sätze aus der Kantiſchen Philoſophie erkläre; ſolch eine Stille herrſcht, in der man keinen Athemzug bemerkt. Man kann es auf dem Geſicht der Meiſten deutlich leſen wie die großen Wahrheiten dieſer Sittenlehre innigſt erſchüttern. Sollte das nicht, mein Freund, ein Beweis ihrer ſich aufdringenden Aechtheit ſein und daß ſie a priori im Menſchen liegt? Freilich äußern ſich die Wirkungen nur in der Sinnlichkeit; aber iſt darum auch ihre Quelle in dieſer zu ſuchen? Und es ſind ſo gar ganz andere Gefühle, als wenn uns einer das Prinzip der Glückſeligkeit vertheidigt ꝛc. Ueberhaupt verbreitet ſich dieſe Philoſophie hier ſehr ſchnell; mehrere Geſchäftsmänner(wäre es auch bei Einigen nur eine eitle Rivalität) widmen derſelben ihre müßigen Stunden. Die hieſigen Lehrer der Philoſophie ſind ebenfalls warme Anhänger, und der Profeſſor der theologiſchen Moral ꝛc. erklärt die Moral des Königsberger Philoſophen. Die Kriegsunruhen durch die wir hier mitten in's Gedränge kommen, haben viele Studenten von unſrer Univerſität abgehalten; die Anzahl meiner Zuhörer beläuft ſich jedoch auf einige 60, unter denen ſich ſogar Mediziner an die übrigen Fakultäten anſchließen. Ich bin auch ſchon mehrmalen erſucht worden, über poſitive Rechtswiſſenſchaften(neben dem Kriminalrecht) private Vorleſungen zu halten; allein dies iſt mir im erſten Jahr bei meinen übrigen Geſchäften unmöglich. Ich werde———(der Schluß fehlt. Fiſchenich ſchrieb zugleich an Charlotte, legte ſeinem Briefe eine Compoſition von Beethoven bei, deſſen Namen, damals ganz unbekannt, er nicht nannte.„Sie iſt von einem jungen Mann,“ bemerkt er,„deſſen muſika⸗ kaliſche Talente allgemein angerühmt werden und den nun der Kurfürſt nach Wien zu Haydn geſchickt hat. Er wird auch Schiller's Freude und zwar jede Strophe bearbeiten. Ich erwarte etwas Vollkommenes, denn ſo viel ich ihn kenne, iſt er ganz für das Große und Erhabene.“)
Fiſchenich an Schiller. Am 1. März 93.
Wollen Sie wohl, mein lieber Freund, mich darüber, wovon ich in meinem letzten Schreiben Erwäh⸗ nung that, benachrichtigen: ob Sie nach Oſtern über Geſchichte leſen werden? Die Abreiſe des jungen Mannes deſſen ich neulich erwähnte, wird davon abhängen. Er wünſcht daher vor Oſtern und ſobald es nur immer möglich iſt, Gewißheit zu haben, um zu ſeiner akademiſchen Reiſe die nöthigen Anſtalten treffen zu können ꝛc. Ich habe Ihren Brief vom 11. Februar zur ordentlichen Zeit erhalten. Nächſtens werde ich Ihnen meine Antrittsrede, die ich jetzt juſt nicht zur Hand habe, überſchicken. Allein ſchon der Stoff hat nicht das Intereſſe das Sie davon erwarteten. Ich fand die hieſige Conſtellation zu ſehr verändert, und die Be⸗ ſorgniß vor den Demokraten hatte ſich zu ſehr eingeſchlichen, als daß ich es gleich Anfangs wagen konnte, den entworfenen Plan über den Mißbrauch der Freiheit zu bearbeiten. Ich hätte in dieſer Abhandlung die Gränzen der höchſten Gewalt und den richtigen Begriff der Freiheit aus der Natur des Menſchen entwicklen


