Aufsatz 
Fischenich und Charlotte von Schiller. Aus ihren Briefen und andern Aufzeichnungen
Entstehung
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Stein gedenkt ſeiner Abreiſe in einem Briefe vom 14. September.Es thut mir leid, daß Fiſchenich nun fort muß; meine beſten Wünſche begleiten ihn. Und vier Wochen ſpäter:Liebe Lolo, Ihr Brief hat mich recht gefreut; auch die Verſicherung daß Sie mich doch noch lieber haben als Fiſchenich, denn gutwillig gebe ich nichts von Ihrer Liebe ab als an Schiller.

Am 21. September ſchrieb Dora:Herzliche Grüße meinem Schiller, Deiner geliebten Schweſter und dem braven Fiſchenich; auch ihm werde ich ſchreiben, wenn ich heiterer geſtimmt bin. Die Trennung von ihm wird Euch viel koſten; auch mir iſt's, als ob ich mehr von ihm getrennt wäre, da er von Euch geht. Von Körner's viel Herzliches. Ich theile Eure Freuden, die Euch die Gegenwart ſo lieber Verwandten gibt; genieße ſie recht rein und unvermiſcht, und laß mich hoffen daß Du oft und gern meiner denkſt.

Schiller's Mutter war damals mit ihrer jüngſten Tochter zum Beſuch in Jena Fiſchenich hatte noch die Freude, ſie dort kennen zu lernen. Schiller's Vater ſchrieb am 17. September:Wenn die liebe Mutter etwa 20 Tage bei Euch geweſen, ſo haltet ſie nicht länger auf. Sie muß auch nach Meiningen, und hernach an ihre Rückreiſe denken. Nanette ſoll doch ihre Mutter recht pflegen, auf ihre Sachen Acht haben, und wie ich ihr ſchon hier geſagt, auch das Beſondere auf ihrer Reiſe aufſchreiben, damit ſie es uns Alles richtig erzählen kann.

In der erſten Hälfte des Oktober war Fiſchenich ſchon auf der Rückreiſe noch Bonn. Am 13. ſchrieb

er aus Frankfurt. Fiſchenich an Schiller. Am 13. Oktober.

Ich muß mich hier länger aufhalten als ich geſonnen war. Mein Koffer iſt auf dem Poſtwagen ſo zuſammengeſtoßen worden daß die eiſernen Reifen losgeſprengt ſind; ich habe daher Alles auspacken müſſen und dasſelbe zum Theil von neuem beſchlagen laſſen. Je näher ich Frankfurt kam, deſto mehr Flüchtlinge begegneten mir, und deſto ſchrecklicher wurde mir die hieſige Verwirrung geſchildert. Ich fand jedoch die meiſten Menſchen wieder ziemlich beruhigt. Der hieſige Magiſtrat hätte beinah ein Beiſpiel ſeiner ängſtlichen Klugheit gegeben. Es waren bereits Deputirte ernannt, Wagen und Trompeter ſtanden bereit, um den Franzoſen mehrere Meilen entgegenzugehen und ſie nach ihren Abſichten auf Frankfurt zu fragen. Die Fran⸗ zoſen würden dieſe Frage, die nichts als ein feiges Anerbieten enthielt, verſtanden und ein paar Millionen Contribution gefordert haben. Der Papa) iſt, um ja den Franzoſen nicht in die Hände zu gerathen, über Fuld nach Würzburg gereiſt. Er hat geweint wie ein Kind ꝛc. Geſtern holte der H. Geh. R. v. W. mich mit ſeinem Schwimmer ab. Er verſicherte daß er ſehr glücklich lebe und dieſen Winter den Kant ſtu⸗ diren werde. Er ſei zwar kein ſo guter Kopf als Kant ꝛc., aber in ſeiner Kritik aller Offenbarung, die er nur aus der Litteraturzeitung kenne, wolle er mir zwei offenbare Widerſprüche zeigen ꝛc. Auch machte er eine Anſpielung auf das Denken der Materie, woüber er Wieland vor einiger Zeit ſeine Gedanken mündlich mitgetheilt habe, der ganz ſeiner Meinung ſei. Er verließ aber bald dieſe überſinnlichen Gefilde und führte mich auf ſeine Aecker und Wieſen, die eben ſo ſehr als ſeine Metaphyſik einer Reformation bedürfen. Er wird nun die Metaphyſik auf die Landwirthſchaft anwenden. Leben Sie wohl, mein unvergeßlicher Freund! Bald liegt ein noch größerer Raum zwiſchen uns. Haben Sie Dank für die Freundſchaft und das Ver⸗ trauen, deren Sie mich würdigten, für Ihren lehrreichen Umgang. Leben Sie glücklich.

Ewig Ihr Fiſchenich.

Bonn, am 26. Jänner 1793. Die allgemeine Klage in hieſigen Gegenden, daß die Briefe auf der Poſt verloren gehen oder doch nicht ſelten einen Monat ſpäter zum Ort ihrer Beſtimmung gelangen, hat mich von neuem auf die Ver⸗ muthung gebracht, ob etwa Ihre Briefe mein Freund, oder die meinigen nicht angekommen ſind? Nicht lange nach meiner Ankunft erhielt ich von Ihnen einen Brief mit einem Beiſchluß von der Frau Hofräthin, ¹) So ward im Kreiſe der Freunde Dalberg's der Kurfürſt von Mainz genannt.

Fiſchenich an Schiller.