Aufsatz 
Fischenich und Charlotte von Schiller. Aus ihren Briefen und andern Aufzeichnungen
Entstehung
Einzelbild herunterladen

1792 5

für Syſtem zweckmäßige Kürze und Präciſion, und verſchmäht alle Geiſtesarznei wenn ſie nicht durch ſüße Ingredienzen verdorben iſt und ihren verwöhnten Gaumen klitzelt; ſelbſt die Wahrheit iſt ihr nur in Schellen und Kappen um ſie als eine Närrin auslachen zu können, willkommen. Wie könnten ſie anders zu dieſem Hippias haufenweis hinſtrömen, ſeine Rhapſodien ſeine ſatiriſchen und polemiſchen Ausfälle und ſeinen oft ſehr gemeinen Witz gierig verſchlingen und ihn als den erſten Lehrer in Deutſchland auspoſaunen? Dagegen findet man hier manchen denkenden Kopf unter wenigen und gähnenden Zuhörern, die er nur darum von ſich entfernt, weil er ſeine Waare von verſchmitzten Miethlingen nicht ausrufen läßt, ſeine Vorleſungen dem Wucher eines kuppleriſchen Famulus nicht preisgibt, ſeine Bude unter dem Bild des gnädigſten Kurfürſten nicht aufſchlägt, und den Sinn ſeiner Zuhörer nicht durch einen prächtigen Saal und Büſten alter und neuer Philoſophen feſſelt; weil er die ſchwache Seite der Menſchen und beſonders der Jugend, die ſo gern, ohne in das Weſen und den Geiſt einzudringen, an der Schale und dem Buchſtaben kleben, nicht benutzt, ſondern über ſophiſtiſche Kunſtgriffe erhaben, Realitäten vorträgt und ſeinen geraden Weg, für den die Welt ſo wenig Sinn hat, fortwandert.

Zu Platner's Entſchuldigung, wenn es ihn anders entſchuldigen kann, muß ich jedoch hinzufügen, daß er in einer der folgenden Vorleſungen über die Aeſthetik bemerkt hat, er ſei in der erſten Zuſammenkunft echauffirt geweſen. Er kam um halb neun; und daß man ja glauben ſollte, er trage die vorhin ange⸗ führten Floskeln aus dem Stegreif vor, nahm er von ſeiner ſpäten Ankunft einen Uebergang in die Afſthetik, und verſprach, den Verluſt der Protenſion durch Intenſion zu erſetzen, was er auch treulich gehalten hat. Ich ſollte beinah dafürhalten, mein Glaubensbekenntniß, das ich als man mich über mein Urtheil befragte, un⸗ befangen ablegte, ſei ihm zu Ohren gekommen. Ich bemerkte damals unter Anderm, daß Leibnitz und Wolff unbedingtere Sklaven erzeugt haben als Kant, und einem Syſtem anzuhängen, ſei ſelbſt in praktiſcher Rück⸗ ſicht viel zweckmäßiger, als ein Coalitionsſyſtem heterogener Grundſätze aufzuſtellen, Tauben mit Adlern zu paaren und am Ende ſelbſt nicht zu wiſſen, was man behauptet hat.

Ewig Ihr ergebenſter Fiſchenich.

Auch an Charlotte legte er einige Zeilen bei.Ja, liebe Mutter, ſchrieb er ihr,wir ſehen uns bald wieder, und noch recht lange wird mir das Vergnügen in Ihrer Geſellſchaft zu leben, zu Theil werden. Ich kann zwar meine Ankunft, die jedoch nach ohngefähr 14 Tagen erfolgen wird, noch nicht genau beſtimmen; ſo viel aber iſt nach Briefen aus Bonn gewiß, daß meine Gegenwart daſelbſt vor dem September nicht noth⸗ wendig iſt. Ich bitte Sie daher, mit Stein den ich herzlich grüße, zu überlegen ob ich ſein Zimmer bewohnen kann. Dorchen iſt vor einigen Tagen nach Dresden, Fleiſcher, Göſchen und Kunze am nämlichen Tage zur Hochzeit abgereiſt. Jene hat mir mehrmalen das Compliment gemacht, ich ſei ein unbegreiflicher Menſch; demungeachtet hat ſie mich nach Loſchwitz auf einige Wochen eingeladen, wo mir Schiller's Luſthaus eingeräumt werden ſollte.

Im Juli reiſte Fiſchenich von Jena aus noch einmal nach Dresden, wohnte in Körner's Landhaus in Loſchwitz, wo ſechs Jahre früher Schiller den Don Karlos vollendete, und noch jetzt die AufſchriftKörner's Weinberg an jene Zeit erinnert. Am Tage nach ſeiner Abreiſe, 2. Auguſt, ſchrieb Dora an Charlotte: Ich arbeite jetzt etwas für Schiller; ich denke, es ſoll ihm Freude machen. Was es iſt, ſage ich nicht; denn es iſt ein Geheimniß, und Du liebſt die Geheimniſſe nicht. Dem braven lieben Fiſchenich ſage viel Herzliches und Freundſchaftliches von mir. Dora's Geheimniß war Körner's Bild, das ſie für Schiller malte.

Nicht viel länger als zwei Monate blieb Fiſchenich noch in Jena. Dora, noch immer in Loſchwitz, ſchrieb am 27. Auguſt:Daß mein lieber guter Schiller ſo wohl iſt, hat mir eine recht innige Freude gemacht. Laß ihn ja dabei bleiben, damit auch Du recht heiter und froh ſein kannſt. Mein Geheimniß wirſt Du nun bald erfahren; ich bin mit meiner Arbeit fertig, und wenn wir wieder in der Stadt wohnen werden, dann ſchicke ich es fort. Fiſchenich's Abreiſe wird eine gewaltige Lücke in Eure häuslichen Freuden machen. Ich weiß was das heißt, wenn ein geliebter Freund aus dem Kreiſe tritt, der nur aus wenigen Erwählten beſteht. Der Platz wird vielleicht wieder beſetzt, aber er wird immer und ewig vermißt. Auch Frau von