Aufsatz 
Fischenich und Charlotte von Schiller. Aus ihren Briefen und andern Aufzeichnungen
Entstehung
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4 1792

Xenien auf Ernſt Platner, der damals, mehr als ein Jahrzehnt nach dem Erſcheinen derKritik der reinen Vernunft, in Leipzig nach Wolff's Syſtem philoſophiſche Vorleſungen hielt. Sehr mit Recht ſind dieſe Xenien, nebſt ſo vielen andern, ſpäter beſeitigt worden..

Fiſchenich an Hchiller. Leipzig, den 30. Mai 92.

Mit Sehnſucht erwarte ich jeden Tag der mich Ihnen näher bringt; und nur die gewiſſe Ausſicht daß ich noch länger als ich vermuthete, bei Ihnen in Jena verweilen kann(wie Sie aus beiliegendem Brief erfahren werden) läßt mich dem Zeitpunkt, da ich Sie wieder umarmen und Ihnen manche Stunde rauben werde, geduldiger entgegenſehen. Ich habe hier einige Vorleſungen beſucht, und finde Ihr Urtheil über Platner mehr als beſtätigt. In der erſten Vorleſung über die Aeſthetik zeigte er ſich als Philoſoph und Menſch in einem nicht ſehr vortheilhaften Licht; er verſprach, den Begriff der Aeſthetik feſtzuſetzen, den ich mir aber unmöglich aus ſeinem rhapſodiſtiſchen Vortrag abſtrahiren konnte; und erlaubte ſich unter andern Digreſſionen folgende Ausfälle gegen die Kantiſche Philoſophie.

Man ſuche jetzt lauter Bildſäulen zu bilden; wir würden mit der Zeit Köpfe ohne Kopf haben(es gibt jetzt ſchon ſolche Köpfe). Dergleichen Leute möchten wohl allerdings geſchickter ſein, Regeln aufzufaſſen; aber es ſei nichts gewiſſer, als daß die Menſchheit, wenn ſie ja ihr gewünſchtes Ziel erreichen ſollte, durch Empfindungen dahin gelangen könne. Es ſei eine ſonderbare Prätenſion, daß eine Logik wie die andere, eine Metaphyſik wie die andere, eine Moral wie die andere ſein müſſe. Nach dieſer Behauptung könne man die Compendien wie die Poſtſcheine einrichten, und nur Platz für den Namen, das Jahr ꝛc. laſſen. Man ſchreie jetzt über politiſchen Despotismus, und ſeit zehn Jahren herrſche ein gelehrter Des⸗ potismus unter deſſen Joch er ſich nie beugen werde(und doch behauptet er, ſeine Philoſophie ſtimme im Weſentlichen mit Kant's Philoſophie überein). Er maße ſich nicht an, Regeln vorzutragen, wohl aber Grundſätze aufzuſtellen, die eine minder beſcheidene Philoſophie als die ſeinige feſte unerſchütterliche Grund⸗ ſätze nennen würde.

In der That eine ſehr beſcheidene Philoſophie, die ſich ſolcher Waffen, die meine Erwartung übertroffen ha⸗ ben, bedient! Wenn dieſer Mann auch als Philoſoph keinen Sinn dafür hat oder nicht haben will, daß es nur eine wahre Logik, eine Metaphyſik, eine Aeſthetik geben könne; wenn er auch keinen Anſtand zu behaupten findet, das große Ziel der Menſchheit ſei, in den thieriſchen Zuſtand hinabzuſinken: ſo müßte er doch als Menſch begreifen, oder wenn er ſich die Gründe davon nicht angeben kann, wenigſtens fühlen, daß nur eine Moral auch wenn wir uns ihre Regeln in abstracto zu denken noch nicht vermögen, und es Kant nicht gelungen wäre ſie zu ihren letzten Principien zurückzuführen oder keine die wahre ſein könne. Viel weniger kann er bei ſolchen Behauptungen auf den Namen eines Philoſophen Anſpruch machen. Mag immer⸗ hin ſeine Sittenlehre nichts als eine Theorie der Empfindungen, ein Syſtem der verfeinerten Selbſtſucht, nichts als eine politiſche Diätetik ſein, ſo müßte er doch, um die erſte Obliegenheit eines Philoſophen zu er⸗ füllen, entweder behaupten daß ſie die wahre und einzige, in der Natur des Menſchen gegründete Moral ſei, oder wenn er nicht als Heuchler erſcheinen will, geradezu geſtehen, alle ſittlichen Begriffe ſeien nur konventionneller Wahn, und Folge unſrer durch Erziehung Gewohnheit und Regierungskünſte verkrüppelten Natur; dann aber ſeinen Epikuräismus nicht unter den Namen Moral verkappen, um ihm in dieſer ehrwürdigen Maske mehr Eingang zu verſchaffen und junge Männer deſto gewiſſer und methodiſcher zum Spiel ihrer Neigungen zu machen, ſondern wie ſein konſequenter Vorgänger den Unterſchied zwiſchen Laſter und Tugend als eine ſchöne Chimäre beweiſen, und dieſe nur als Mittel zum Zweck anempfehlen.

Ich könnte Ihnen noch mehr Beiſpiele von ähnlichem Gehalt anführen; aber dieſe ſind gewiß hinreichend Sie in Ihrem Urtheil über P. zu beſtätigen; und das Schlimmſte hierbei iſt, daß ſeinem Egoismus, der die höchſte Stufe erreicht hat, durch den ſchwärmeriſchen Beifall der hieſigen ſtudirenden Jugend immer neue Nahrung zufließt. Dieſe iſt hier nicht beſſer als auf den meiſten Academien; ſie will amüſirt ſein, iſt nicht empfänglich