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Mahl ꝛc. Mit Niethammer und Fiſchenich unterhielt Schiller ſich vorzüglich über die Kantiſche Philoſophie, und dieſe war, bei dem lebhaften Intereſſe das ſie den drei Männern einflößte, ein nie verſiegender Quell für gegenſeitige Mittheilung. Ein dauerndes Band blieb durch's ganze Leben; und nach Schiller's Tod fand der edle Fiſchenich Gelegenheit, ſeine Freundſchaft für denſelben den Hinterlaſſenen treu und auf die groß⸗ müthigſte Art zu beweiſen.“
Während dieſer Zeit, 1791 auf 1792, wo Fiſchenich glückliche Tage in Schiller's Nähe verlebte, kam der Brief, in welchem Friedrich Chriſtian Erbprinz von Holſtein⸗Auguſtenburg und der däniſche Finanzminiſter Ernſt Graf Schimmelmann Schiller großmüthig das Anerbieten eines Jahrgehalts von tauſend Thalern machten, auf drei Jahre ohne alle Bedingungen und bloß zu ſeiner Wiederherſtellung.„Und dies geſchah,“ wie es in Körner's Erzählung heißt,„mit einer Feinheit und Delicateſſe, die den Empfänger, wie er ſchreibt, noch mehr rührte als das Anerbieten ſelbſt. Dänemark war es, woher einſt auch Klopſtock die Mittel einer unabhängigen Exiſtenz erhielt, um ſeinen Meſſias zu endigen. Geſegnet ſei eine ſo edelmüthige Denkart, die auch bei Schiller durch die glücklichſten Folgen belohnt wurde!“*²)
Gegen die Mitte des April reiſten Schiller, Schiller's Frau und Fiſchenich von Jena über Leipzig nach Dresden. Schon am 30. März hatte Schiller ſich bei Körner angekündigt; am 3. oder 4. April wollte er die Reiſe antreten. Das ſchlimme Wetter und ein ſtarker Katarrh, ſo ſchrieb er am 7., verhinderten ſeine Abreiſe; ſein Arzt, Starke, hielt ihn ab,„ſich der fatalen Witterung auszuſetzen.“ Aber wenige Tage ſpäter reiſte er. Drei Wochen blieb er in Dresden.„Unſer Beiſammenſein,“ ſchrieb Körner am 14. Mai, gleich nach der Abreiſe„iſt mir wie ein Traum, und ich kann kaum glauben daß wir ein paar Wochen zuſammen⸗ gelebt haben. Aber Deine Unpäßlichkeit und meine Akten haben uns viel Zeit geraubt.“ Auf demſelben Wege wie er gekommen war, reiſte Schiller nach Jena zurück. Körner's Schwägerin, Dora Stock, reiſte mit bis Leipzig, ihrer Vaterſtadt. Fiſchenich hatte ſchon früher Dresden verlaſſen. Er wollte in Leipzig länger verweilen und namentlich die Univerſität kennen lernen. Auf den 11. Mai erwartete er dort Schiller.„Am Freitag werde ich Ihnen,“ ſchrieb er am 5. an Charlotte,„bis Borsdorf entgegen gehen. Schon jetzt fühle ich's ſehr lebhaft, wie ſchwer mir die Trennung von Ihnen und Ihrem Schiller werden wird und wie un⸗ entbehrlich mir Ihre Geſellſchaft iſt. Noch nie fand ich ſolche Lücke in mir als ſeit meiner Abreiſe von Dresden.“ Am 14. reiſte Schiller von Leipzig ab. Fiſchenich blieb noch; erſt im Juni folgte er ihm nach Jena. Am 16. Mai ſchrieb Dora an Charlotte:„Warum mußte ich von Dir getrennt werden, meine geliebte Lotte, um recht tief zu fühlen, wie theuer Du mir biſt! Ich bin ängſtlich wie Schiller die Reiſe überſtanden hat; gib mir ja bald Nachricht davon. Eure Abreiſe hatte mich am Montag ſehr trüb geſtimmt, und ich hatte den unglücklichen Einfall, zu meinem Bruder zu gehen und bei ihm zu eſſen; und bin hart dafür ge⸗ ſtraft worden. Eine Menge Kleinigkeiten rief mit ſtarken Zügen die unglücklich durchlebten Tage meiner Jugend zurück; mit einer Blitzſchnelligkeit durchlebte ich alle unangenehmen Vorfälle noch einmal. Nichts nichts ent⸗ wiſchte meinem Gedächniß, bis mich die tiefſte Melancholie ergriff, die mich's tauſendmal bereuen ließ nach Leipzig gereiſt zu ſein. Abends kam Fiſchenich, und wer kam mit ihm? Du erräthſt ihn gewiß, ohne daß ich ihn zu nennen brauche. Die Freude, Fiſchenich zu ſehen, war mir dadurch ſehr verdorben; auch fürchte ich daß ich in der That unartig gegen den großen Frager war, denn ich habe ihn ſeitdem nicht wieder geſehen.“ Es iſt von Friedrich Schlegel die Rede. Fiſchenich hatte ihn in Dresden in Körner's Hauſe kennen gelernt.
Der hier folgende, bisher ungedruckte Brief Fiſchenich's war vielleicht mit die Veranlaſſung zu Schiller's
¹) Der Erbprinz von Auguſtenburg iſt der Großvater des Prinzen, von deſſen angeblichen Anſprüchen auf Schleswig⸗ Holſtein vor einigen Jahren viel die Rede war. Ueber Ernſt Schimmelmann vergl. Hennes, Friedr. Leop. Graf zu Stol⸗ berg S. 87. 147 ꝛc. Am 14. Okt. 1795 ſchreibt Stolberg ſeinem Bruder Chriſtian:„Vorgeſtern kamen Ernſt und Charlotte. Ich kann Dir nicht ſagen, welche Freude es mir gemacht hat, unſern Ernſt ſo ganz unverändert als den lieben alten Ernſt wiederzufinden, dem kein Finanzweſenſtäubchen anklebt, keine Miniſterfalte auf der Stirne liegt.“ Graf Chriſtian Stolberg's Schwager Ludwig Reventlow, auf deſſen Beſitzung Brahetrolleburg Agnes Stolberg ihre letzte Ruheſtätte fand, war auch Schimmelmann's Schwager; ihre Frauen waren Schyeſtern.


