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— 1791—
Um ſich zu erholen, reiſte Schiller nach Rudolſtadt; erkrankte aber hier von neuem. Man glaubte ihn dem Tode nahe; die Sprache fing an, ihm ſchwer zu werden. Damals war es, wo er mit zitternder Hand die Worte ſchrieb:„Sorgt für eure Geſundheit, ohne dieſe kann man nicht gut ſein.“ Auf demſelben Blatt, das die Familie noch heute bewahrt, fügte ſpäter ſeine Frau Folgendes hinzu:„Dieſes ſchrieb Schiller in Rudolſtadt Anno 91, da ihm das Sprechen durch Bruſtkrämpfe zu ſchwer war, und er zu ſterben glaubte.“
Im Juli ging er von Rudolſtadt mit ſeiner Frau nach Karlsbad. In Eger ſahen ſie im Rathhaus das merkwürdige Bild Wallenſtein's und in der Wohnung des Bürgermeiſters das Zimmer wo er den Tod fand. Im September waren ſie in Erfurt. Am 14. ſchrieb Fritz Stein von Jena aus:„Ich habe mich außerhalb des Hauſes nach Geſellſchaft umgethan. Fiſchenich von Bonn, Magiſter Göritz, Herr von Fichard und ich, wir werden den Winter durch zuſammen eſſen, und zwar bei Fichard; ich freue mich recht ſehr darauf.“ Charlotte antwortete gleich am andern Tage:„Eben erhalt' ich Ihren Brief. Wenn Sie Ihre Geſellſchaft nicht ſo gewiß arrangirt haben, ſo können Sie ja bei uns eſſen. Doch machen Sie das, wie es Ihnen am liebſten iſt.“ ¹) Einige Zeit nach der Rückkehr kamen ſie überein, daß die Tiſchgeſellſchaft zu Schiller's überſiedelte. Niethammer ſchloß ſich ihr an.
Am 1. Januar 1792 ſchreibt Schiller an Körner:„Meine häusliche Exiſtenz hat jetzt ſehr viel Ab⸗ wechſelung, und dieſe macht mich friſch zur Arbeit. Ich habe die Einrichtung getroffen, daß ich Mittags und Abends mit fünf guten Freunden zuſammenſpeiſe, die bei meinen Hausjungfern mit mir in die Koſt gehen. So habe ich, ohne mit der Beſorgung beſchwert zu ſein, täglich einen geſellſchaftlichen Tiſch; und da es zum Theil Kantianer ſind, ſo verſiegt die Materie zur Unterhaltung nie. Nach Tiſch wird zuweilen geſpielt, ein Behelf der mir ſeit meiner Krankheit faſt nothwendig geworden iſt.“
Frau von Stein ſendet in ihren Briefen an Charlotte„viele Grüße an Schiller und auch einen ſchönen Gruß an die Tiſchgeſellſchaft.“ Fritz Stein ſelbſt mußte vor dem Frühjahr Jena verlaſſen. In einem Briefe aus Weimar fragt er:„Wie geht es unſrer fröhlichen Geſellſchaft?“ ²) Charlotte erwiedert:„Die Geſellſchaft iſt recht wohl, und Merkwürdiges iſt nichts vorgefallen. Fichard, der eben da iſt und lieſt, trägt mir auf's feierlichſte auf, ihn zu empfehlen. Letzt haben wir und Fiſchenich ausgedacht, warum er ſo ſchnell ſein Herz zu Ihnen gewendet hat, denn Sie haben übrigens doch nicht viel Gleichartiges: erſtlich weil Sie von Adel und Hofjunker ſind, und weil er die Höfe ſo liebt. Fiſchenich iſt auch wohl und putzt die Nägel fleißig. Wir haben ausgedacht, er könnte auf dieſes Geſchäft reiſen und ſo wie die Zahnärzte ſeine Kunſt anbieten. Die Damen würden es bald für eben ſo wichtig halten, ſchöne Nägel als ſchöne Zähne zu haben.“
In ihrem„Leben Schiller's“ berichtet Frau von Wolzogen:„Heiterkeit herrſchte bei dem mäßigen
1) Charlotte von Schiller Th. 1. S. 436. 437. Schiller fühlte ſich damals überaus glücklich. Am 24. Okt. ſchrieb er an Körner:„Für meine Lotte wünſchte ich wohl einige leidlichere Frauengeſellſchaften ꝛc. Meine Krankheit hat dadurch daß ſie mich ganz außer Thätigkeit ſetzte, uns ſo an einander gewöhnt daß ich ſie nicht gern allein laſſe. Auch mir macht es, wenn ich auch Geſchäfte habe, ſchon Freude, mir nur zu denken daß ſie um mich iſt; und ihr liebes Leben und Weben um mich herum, die kindliche Reinheit ihrer Seele und die Innigkeit ihrer Liebe gibt mir ſelbſt eine Ruhe und Harmonie, die bei meinem hypochondriſchen Uebel ohne dies faſt unmöglich wäre. Wären wir beide nur geſund, wir brauchten nichts weiter, um zu leben wie die Götter.“— 2²) Muthwillig genug war Schiller unter dieſen Hausfreunden. Zur Zeit wo ich mit der Schrift„Andenken an Fiſchenich“ beſchäftigt war, am 22. Juni 1841 ſchrieb mir Böhmer:„Allerdings hat unſer großer Geſchichtskenner Fichard ſeiner Zeit die Koſt bei Schiller in Jena gehabt. Er ſtand mit deſſen Familie auf ſehr gutem Fuß; noch als Schiller todt und er ſelbſt blind war, hat er wie ich weiß für dieſelbe Beſorgungen gehabt in Bezug auf die Penſion von 1000 fl. welche die Wittwe zuletzt(urſprünglich eine Gabe des Fürſten Primas) von der Stadt Frankfurt bezog. Fichard erzählte: Schiller ſei bei Tiſch ſehr heiter geweſen und habe ſich wohl einen kleinen Spaß mit ſeinen Tiſchgenoſſen erlaubt. Es war Winter, Schlittenfahrt ſollte ſtattfinden, Fichard wollte mitfahren, bedauerte keine Dame zu haben. Schiller ermunterte ihn, von einer gegenüber wohnenden Mutter ſich die Tochter zu erbitten. Fichard mit dieſen Frauenzimmern wenig oder gar nicht bekannt, und noch unerfahren in der Sitte, ging in die Schlinge ein, ſtieg eines Tags nach Tiſch geputzt in's Nachbar⸗ haus hinauf. Unterdeſſen ſtellte ſich Schiller in's Fenſter und ſah nun über die Straße was dort im andern Hauſe vorging als Pantomime: Fichard's höfliches Werben, das Erſtaunen der Mutter, ihre abſchlägliche Antwort und den armen begoſſenen Hund der davon lief.“


