Aufsatz 
Fischenich und Charlotte von Schiller. Aus ihren Briefen und andern Aufzeichnungen
Entstehung
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1796 11

ich erſt geſtern von Ihnen geſchieden wäre, in meinem Herzen und wird nie daraus vertilgt werden. Daß ich aber bisher nichts von mir hören ließ, daran ſind die Zeitumſtände Schuld. Im September 1794 erhielt ich den letzten Brief von Ihnen. Ich beantwortete ihn ſogleich; und da bald darauf die franzöſiſche Armee unſren Mauern näher kam, ſo benachrichtigte ich Sie hiervon und meldete Ihnen, daß nunmehr mit der geſperrten Kommunikation unſer Briefwechſel aufhören müſſe. Dieſe Nachricht ertheilte ich Ihnen Ende September oder am Anfang des folgenden Monats. Als die Franzoſen einige Monate hier waren, hatte ich Gelegenheit eine Freundin auf der andern Seite des Rheines zu erſuchen, daß Sie Ihnen Nachricht von meiner Lage geben möge. Dies iſt geſchehen; es ſcheint aber daß Sie dieſen Brief nicht erhalten haben, weil Sie gar keine Erwähnung davon thun. Nach dem Frieden mit Preußen, wodurch die Poſt durch einen Umweg wiederhergeſtellt wurde, hätte ich zwar wenigſtens den Verſuch machen können, wieder etwas ſo viel es damals thunlich war, von mir hören zu laſſen; aber es iſt nicht geſchehen; und obgleich mir Entſchuldigungsgründe genug zu Gebote ſtehen, ſo will ich doch lieber einen Theil der Schuld auf mich nehmen, als Sie bei der beſten Vertheidigungsſchrift über mein Stillſchweigen im Zweifel laſſen. Das Bewußtſein, in meinem Herzen nichts gegen Sie verſchuldet zu haben, erleichtert mir dieſen Schritt. Ich habe vielleicht nie öfter an Sie und Schiller gedacht, als ſeit wir keine Silbe von einander ſahen. Sie haben nun wieder den Faden ange⸗ knüpft, und dürfen verſichert ſein, daß ich mich beſtreben werde, meinen Rückſtand doppelt zu verzinſen.

Ueber meine Schickſale in dem gegenwärtigen revolutionären Zuſtande ſage ich Ihnen heute nichts. Ich will nur noch die Freude über Schiller's täglich zunehmende Geſundheit mit Ihnen theilen. Umarmen Sie ihn in meinem Namen, und ſagen Sie ihm daß ich ihm nächſtens ſchreiben werde. Ich habe ihm viel zu ſagen ꝛc.

Schon wieder einen hoffnungsvollen Knaben? Glückliche Menſchen! Ihr lebt im Schooß des Friedens und es werden Euch ſolche Freuden zu Theil. Hier verbluten wir uns langſam in einem beiſpielloſen Krieg und ſind das Opfer einer teufliſchen Politik. Es iſt nun beſchloſſen, daß ich um Oſtern von hier auf die andere Seite des Rheines gehe, Anfangs nach Weſtphalen und von da vielleicht nach Braunſchweig ꝛc. Leben Sie wohl meine Freundin, und benachrichtigen Sie mich bald ob Sie dieſen Brief erhalten haben. Empfehlen Sie mich Ihrer Frau Schweſter und Allen die Ihnen und mir werth ſind.

Ihr ewig ergebener Fiſchenich.

Aus dem Jahr 1797 finden wir einen Aufſatz von Fiſchenich in Poſſelt's Annalen ¹), über den jüngern Pitt.Seine äußere Politik, heißt es darin,ſah weit in die Ferne, und ging mit einer Stetigkeit ohne gleichen zu Werk. Mit fürchterlicher Conſequenz verfolgte er ſeinen Plan und ließ ſich durch nichts irre machen. Mitten unter den Stürmen die von allen Seiten einbrachen, ſtand er unbewegt; ſelbſt die Stürme ſchienen oft ihm zu dienen und ſeinen Abſichten gemäß ſich zu lenken. Er wußte ſich den unerwartetſten Ereigniſſen anzuſchmiegen; Zufälle die Andre zur Verzweiflung gebracht haben würden, verwebte er mit kühner Hand in ſeinen Plan. Hier ſehe ich den Sohn eines großen Vaters der in einer ſchrecklichen Kriſe wie ein Fels ſtand, und wenn Alles verzagte, den Engländer ſich ſelbſt wiedergab. Deſto lebhafter aber tadelt er ſeine innere Politik, wobei er ein paarmal ein verzweifeltes Spiel geſpielt, ſelbſtſüchtig nur für die Gegenwart, für den Augenblick geſorgt, zu politiſchen Ränken ſich herabgelaſſen.Nicht ſo, fährt er fort, ſein unſterblicher, ſein viel größerer Vater. Von ihm ſagt die Geſchichte, daß er nie eine Stimme gekauft, nie nach Rechthaberei geſtrebt und ohne Partei, blos durch die unwiderſtehliche Größe ſeiner Seele und durch ſeinen gewaltigen Geiſt geherrſcht habe. Er bedurfte ſie nicht, die ehrloſen Stratageme der Politik, die er tief verachtete; er konnte auf der Heerſtraße der Gerechtigkeit zum erhabenen Ziel gelangen. Frankreich zitterte vor ihm und die Schlangenliſt ſeiner Könige hielt es nicht aus gegen ſeine Weisheit.

¹) Europäiſche Annalen. Jahrgang 1797. Bd. 3. S. 178. Vgl. Charlotte von Schiller Bd. 3. S. 112. Fiſchenich ſchreibt ihr, der Aufſatz ſeiein Auszug aus einem Brief an einen deutſchen Staatsmann, der durch beſondere Umſtände in jenes Journal gekommen.