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weiſt, daß der Ruf der Zeit nicht wirkungslos an der Gelehrtenſchule verhallt iſt. Man fing an, ihm Gehör zu ſchenken und volle Anerkennung zuzuſprechen, wenn auch das ernſte Streben durch den Mangel an paſſenden Lehrmitteln in ſeinem Erfolg bedeutend abgeſchwächt wurde. Neue Anſprüche erheiſchen neue Mittel. Die Art und Weiſe, wie man in den mittelalterlichen Schulen geſchichtliche Kenntniſſe gewonnen, hatte in ihrer Ausſchließlichkeit für die Gelehrtenſchule keine Berechtigung. Denn das, was ſich aus der Lektüre der Ge⸗ ſchichtsſchreiber ergab und durch erklärende Zugaben des Lehrers erweitert wurde, konnte offenbar nicht genügen, ſelbſt wenn es durch geordnete Zuſammenſtellungen und fleißige Wiederholungen an Wert gewonnen hätte. Ich betone ausdrücklich, daß jene frühere Me⸗ thode des unmittelbaren Lernens aus den Autoren in ihrer Ausſchließlichkeit für die ſpätere Gelehrtenſchule unhaltbar war. An und für ſich ſteht ſie an innerem Werte un⸗ übertroffen da und würde den mittelalterlichen Schulen zur Ehre gereicht haben, wenn ſie überhaupt der Inhalt eines bewußten Strebens geweſen wäre. Denn dem einzig wahren Charakter der Gelehrtenſchule(Gymnaſium) als wiſſenſchaftlicher Elementarſchule entſpricht ſie vortrefflich.
Es iſt alſo klar, daß neue, ſpeciell dem Geſchichtsunterricht dienende Lehrbücher nötig waren, die auch bald erſchienen und allmählich ebenſo zahlreich wurden, wie ſie innerlich planlos und unvollkommen waren. Der feſte Beſtand des Geſchichtsunterrichts ſelbſt aber litt darunter nicht. Im Gegenteil, er bekam bald nech eine höhere Weihe, als man nach dem Hereinbruch der franzöſiſchen Revolution und unter dem Einfluß ihrer Folgen auf den Gedanken kam, den Geſchichtsunterricht noch anderweitig zu verwerten. Man betrach⸗ tete ihn als wirkſames Mittel zur Heranziehung und Pflege einer tiefen und begeiſternden Vaterlandsliebe.
Uebrigens würde man ſich einem ſchweren Irrtum hingeben, wollte man glauben, der ſo entſtandene und nach und nach erſtarkte Geſchichtsunterricht habe dem Weſen der Sache, der er dienen ſoll, ſo recht entſprochen. Noch in den erſten Jahrzehnten unſeres Jahrhunderts und in vielen höheren Lehranſtalten ſelbſt bis in die neueſte Zeit friſtete der Geſchichtsunterricht nur ein klägliches Daſein und ſpielte eine nur untergeordnete Rolle. Es iſt ja richtig, daß auch die Geſchichte, wie beinahe jeder andere Unterrichtsgegenſtand, niemals ſelbſt Zweck werden darf, ſondern ſtets als Mittel zum Zweck benutzt werden ſoll. Dies iſt aber jedenfalls nicht ſo zu verſtehen, als ob der Geſchichtsunterricht nur da ſei, um durch ihn eine gew'ſſe Summe ungeordneter Kenntniſſe zu gewinnen zum Zwecke gele⸗ gentlicher Verwertung im gewöhnlichen Leben. Es ſind vielmehr ganz bedeutende, der Geſchichte ſelbſt und dem rationellen Unterricht in derſelben inhärierende Eigenſchaften, die zum Behufe geiſtiger Gymnaſtik flüſſig gemacht werden können.
Aber mit nur unzulänglichem Erfolg hat ſich ſeit den dreißiger Jahren beinahe eine ganze Litteratur abgemüht, dem Geſchichtsunterricht eine ſach⸗ und zweckentſprechende Rich⸗ tung und feſte Geſtaltung zu geben. Urſachlich hängt dies unzweifelhaft auch damit zu⸗ ſammen, daß die wiſſenſchaftliche Geſchichts ſchreibung, die geiſtige Mutter des Geſchichts⸗ unterrichts auf der Schule, noch lange nicht die nötige Ausdehnung und innere Ver⸗


