— 68—
hören der Sprache ſeiner Umgebung erlernte, mußte zunächſt durch beſondere Gedächtnisarbeit erworben werden. Deshalb wurden bei dem Unterricht in der unterſten Claſſe die Knaben vor allem ange⸗ halten nach Nomenclatoren, Vocabularien und Diktaten der Lehrer ſich mit den im gewöhnlichen Leben am meiſten vorkommenden Wör⸗ tern und Phraſen bekannt zu machen ³). Zu demſelben Zwecke wur⸗ den leichtere Geſpräche geleſen und die in denſelben ſich findenden Redewendungen excerpiert und memoriert. Neben dieſen Uebungen wurde der grammatikaliſche Unterricht nicht vernachläſſigt, obwohl er verhältnismäßig mehr zurücktrat. Namentlich wurde auf Erlernung der Formen Nachdruck gelegt. Die ſyntaktiſchen Regeln beſtrebte man ſich kurz und einfach zu geben. Dagegen wurden ſie tüchtig durch Analyſteren der Schriften in ihre grammatiſchen Beſtandtheile und durch häufige ſchriftliche und mündliche Uebungen(genesis grammatica), welche theils in Ueberſetzungen von Diktaten, theils im freien, praphraſierenden Nachahmen eines vorliegenden Satzes oder eines längern Abſchnittes beſtanden, eingeübt. Bei der Lektüre der Proſaiker und namentlich des Cicero wurden Perioden und Sätze aufgelöſt, Analogieen nachgewieſen, die ſeltenen Phraſen me⸗ moriert und oft ganze Abſchnitte auswendig gelernt. Allein— und hier zeigt ſich ein erfreulicher Unterſchied von der Sturmſchen Methode— neben dieſer formalen Erklärung tritt doch die ſachliche nicht ganz in den Hintergrund. Es iſt ſchon früher darauf hingewieſen wor⸗ den, daß der Landgraf die Lektüre der Hiſtoriker ihres Inhalts we⸗ gen dringend verlangte. Es war ihm aber hierbei nicht um das
¹1) Moritz fordert wiederholt die Lehrer auf bei den Schülern auf Aneig⸗ nung der copia vocabulorum hinzuwirken. Nach dem Frühlingsexamen von 1601 ſchreibt er unter anderm: Quia in copia vocabulorum et phrasium utraque classis pariter nobis videtur jejuna, in posterum diligenter ad nomenclaturas, lexica, synonima, phrascologias et id genus exercitia ad copiam sermonis facientia adhibeantur. Huc pertinet quantitatum notio, quae diligenter in inferiore classe incul-
cetur. Mss. H, fol, 57 p. 25.


