— 64—
Lehre von mehreren Redetheilen wie von dem Pronomen und Par⸗ ticipium eine beſondere Stelle an. Im Unterricht ſuchte er ſo früh als möglich die Schüler durch Lektüre der Schriftſteller und durch ſchriftliche Uebungen in der Anwendung der Regeln zu üben.
Ganz ähnlich war die Methode, welche er in dem Unterricht der Dialektik und Rhetorik befolgte. Beide Disciplinen lehrte er im engſten Zuſammenhang, und wenn er auch in der Theorie die Dialektik, welche er als ars disserendi definierte, von der Rhetorik ſcharf ſcheidet ¹), ſo lehrte er doch, daß ſie in dem Leben und der Wirklichkeit untrennbar ſeien, und daß man ſich die Rhetorik ohne die Dialektik ebenſowenig denken könne wie die Zunge ohne das Herz. Wie in dem grammatikaliſchen Unterricht ſo ſuchte Ramus auch hier die Lehren auf die einfachſte und kürzeſte Form zurückzuführen und ſie ſobald als möglich durch die Anwendung lebendig zu machen. Der Unterricht ſchloß ſich ebenfalls an die Lektüre der Claſſiker an. In dieſen ſah er die beſten Muſter nicht nur in der Beredſamkeit, ſondern auch für die Kunſt des logiſchen Denkens. Die Regeln für die Rhetorik entlehnte er vorzugsweiſe Cicero und Quintilian. Auf die Geſtaltung ſeiner Dialektik hatte den größten Einfluß Ariſtoteles, ſo heftig er dieſen auch bekämpfte. Die Beiſpiele zu den Regeln ſuchte er bei allen alten Schriftſtellern, Rednern, Philo⸗ ſophen, Geſchichtſchreibern und Dichtern ²). Jedoch iſt er weit ent⸗ fernt ſich prinzipiell der Autorität der Alten unterzuordnen. Im
—
1) Im Gegenſatz gegen die frühern Lehrer der Beredſamkeit(Cicero und Quintilian) weiſt er auch die Lehre von der inventio und dispositio der Dialektik zu, ſo daß der Rhetorik nur die Lehre von der elocutio und actio übrig bleibt.
²) Bei der Interpretation der Schriftſteller dezo er gewöhnlich alles auf eine Wiſſenſchaft. So gaben ihm die Reden Ciceros und die Schrift de fato den Text ab zu Bemerkungen über Rhetorik und Dialektik. Vergils Georgica erklärt er mit Rückſicht auf die Phyſik, und an die Lektüre von dem somnium Scipionis knüpfte er die Lehren der Aſtro⸗ nomie. Bgl. Waddington, Ramus p. 84.


